Über diese Geschichte
Die fünfköpfige Besatzung des Bergungs- und Forschungsschiffs Morgenfalte untersucht Kernwinter, einen erst seit Wochen kartierten Wanderplaneten. Unter seiner gefrorenen Kruste entdeckt sie ein uraltes Archiv aus lebendem Mineral. Es bewahrt weder Texte noch Bilder: Jede Messung veranlasst es, aus vorhandener Materie mögliche Körper und Umwelten zu bauen. Als die ersten Veränderungen das Schiff erreichen, geraten wissenschaftliche Neugier, Quarantänepflicht und die Aussicht auf wirkliche Heilung gegeneinander. Während ein Unternehmensvertrag den Abbruch erschwert, muss die Crew herausfinden, welche Regeln das Archiv befolgt – bevor es Menschen, Erinnerungen und Technik als Teile derselben unvollständigen Antwort behandelt.
Kapitel 01 – Vier Füße
Kernwinter nahm kein Licht an. Unter der Morgenfalte hing der Planet wie eine Kugel aus altem Schwarz, vom fernen Lysa-Stern am Rand versilbert. Reif spannte sich über die Stille Schale, so glatt, dass Liv Osei jedem sichtbaren Bruch mehr traute.
»Fuß drei noch einmal«, sagte sie.
Nao antwortete aus der Achse. Ihre Stimme kam ohne die Weichheit des Habitatfunks, trocken und nah. »Fuß drei trägt. Er zieht zwei Zehntel nach innen, sobald ich die Stoßlast aufschalte.«
»Grenze?«
»Eineinviertel g. Danach rechnet er höflich mit unserem Tod.«
Die Lastkarte zeigte sechs Düsen um das Heck, vier Füße, darüber den Rumpf: ein Gewicht, das noch nicht wusste, wohin es fallen würde. Fuß drei bog sich um drei Millimeter. Nao gab Lasten lieber eine Richtung als eine Zahl. Liv sah die rote Linie und zog den Gurt fest.
»Bestätigt«, sagte Liv. »Fuß vier.«
Hinter ihr rührte Mara sich kaum. Ihr Ärmelfeld schabte am Gurt. Seit einer Dreiviertelstunde wartete sie auf Messzeit. Liv kannte jede Minute davon.
»Die passive Serie läuft uns nicht weg«, sagte Mara.
»Das Relaisfenster schon«, sagte Sorel Varga.
Liv sah nicht zu ihr. »Fuß vier.«
Die Brücke war für drei gebaut und für fünf erlaubt. Voll besetzt roch sie nach warmem Stoff und altem Staub aus den Luftkanälen. Ilyas hielt sich hinten an der Schlaufe fest; neben Sorel war noch ein Sitz frei. Zweimal atmete er flach. Beimdritten Mal sah er Livs Blick.
»Die achtzehn Tage Anflug sitzen noch in den Rippen«, sagte er.
»Setz dich.«
Er setzte sich. Er machte es ohne Widerspruch, was Liv mehr beunruhigte als sein Atem.
Auf der Scheibe glitt die Last zu Fuß vier. Für eine Landung mussten sie den Wohnring stoppen, die Radiatoren falten und 1860 Tonnen vierzehn Minuten lang mit Batterien und kalten Speichern am Leben halten. Danach stand das Schiff auf vier Füßen oder gar nicht mehr.
»Vier trägt«, sagte Nao. »Schöner als drei. Wenn du Schönheit an einem Fuß gelten lässt.«
»Nur im Prüfblatt.« Liv legte die Checkscheibe an die Konsole und drehte sie eine Rastung weiter. Vier Fenster wechselten von Weiß zu Orange. Software konnte sie nicht zurückfärben. »Düsen.«
Mara löste sich aus dem Gurt. »Liv. Wir sehen seit dreiundzwanzig Tagen zu und haben noch knapp neun Tage freie Sicht. Das Licht knickte beim letzten stillen Lauf wieder ab.«
»Darum prüfen wir die Düsen.«
»Die Ablenkung ist oben. Die Düsen sind unten.«
»Wenn oben etwas falsch ist, möchte ich unten nicht zum ersten Mal nachsehen.«
Mara schwieg. Ihre graugrünen Augen hielten sich an der Lastkarte fest, nicht an Liv. Sie gab nicht nach. Sie nahm hin, dass Liv die Folge der Tests bestimmte.
Sorel strich mit dem Daumen über die Kante ihrer Datentafel. »Der Erstzugriff läuft seit Eintritt in den Zielorbit. Acht Standardtage. Nicht neun.«
»Die Relaisgeometrie hält neun«, sagte Mara.
»Kallmerks Charta acht. Dann dürfen andere Ansprüche stellen, falls sie Kernwinter noch sicher erreichen. Fast dasselbe für uns, nicht vor Gericht.«
Liv schaltete die erste Düse in den kalten Vektortest. Ein dumpfer Stoß ging durch die starre Achse. Nicht Schub, nur das Öffnen und Schließen der Magnetlager. Nao atmete hörbar aus.
»Eins
Kapitel
- 1 Kapitel 01 – Vier Füße
- 2 Kapitel 02 – Dreiundzwanzig Tage
- 3 Kapitel 03 – Die Lastgrenze
- 4 Kapitel 04 – Gegenflächen
- 5 Kapitel 05 – Der leere Kreis
- 6 Kapitel 06 – Gesundes Gewebe
- 7 Kapitel 07 – Fehlende Masse
- 8 Kapitel 08 – Eine andere Narbe
- 9 Kapitel 09 – Unter zweiundachtzig
- 10 Kapitel 10 – Ursachen
- 11 Kapitel 11 – Die Lunge an der Wand
- 12 Kapitel 12 – Das Profil
- 13 Kapitel 13 – Kein Softwarefehler
- 14 Kapitel 14 – Bruchflächen
- 15 Kapitel 15 – Das mechanische Buch
- 16 Kapitel 16 – Atemraum
- 17 Kapitel 17 – Eine Entscheidung, die es nicht gab
- 18 Kapitel 18 – Jorens Haltung
- 19 Kapitel 19 – Kürzere Wege
- 20 Kapitel 20 – Fremde Hilfe
- 21 Kapitel 21 – Die Pausen sind Antwort
- 22 Kapitel 22 – Elf verbrauchte Zeiten
- 23 Kapitel 23 – Der fehlende Gegenstand
- 24 Kapitel 24 – Menschliche Ränder
- 25 Kapitel 25 – Fangöse
- 26 Kapitel 26 – Heck voraus
- 27 Kapitel 27 – Der lebende Punkt
- 28 Kapitel 28 – Kein persönliches Gestern

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