Über diese Geschichte
Mara Wendt leitet vorübergehend ein kommunales Rücklaufdepot und glaubt an die beruhigende Macht korrekt zugewiesener Verantwortung. Dann fährt der Lastenaufzug in ein Stockwerk, das im Bauplan nicht existiert, und eine höfliche Außerirdische erklärt ihr, das unscheinbare Depot sei Teil eines galaktischen Zustellnetzes. Durch einen Verwaltungsfehler gilt ausgerechnet Mara als letzte Adresse für alles, was niemand übernehmen will: Pakete, Ämter, Erinnerungen und schließlich Beziehungen. Während sie auf den Vormundschaftsbescheid für ihre elfjährige Nichte Linn wartet, muss sie mit einer widersprüchlich programmierten Verwaltungsintelligenz und einer kompromisslosen Krisenleiterin klären, ob ein vernünftiges, statistisch vorhergesagtes Ja jemals echte Zustimmung ersetzen darf.
Kapitel 01 – Schuhe für eine Akte
Die Schuhe hatten Größe sechsunddreißig, bis Mara sie anfasste. Dann hatten sie achtunddreißig.
Sie zog die Hand zurück. Die Zahl auf der Lasche wurde wieder kleiner. Es war Viertel vor sieben, und für ein Gespräch mit einem Schuh fehlte ihr noch der Kaffee.
»Siehst du«, sagte Linn.
Sie saß am Küchentisch, ein Bein unter sich, das andere im rechten Schuh. Über dem offenen Klettband stand ihr Fuß so still, als könne sie durch Bewegung einen Fehler in der Beweisführung machen. Neben ihrem Teller lag ein halbes Ei. Den abgeschnittenen Deckel hatte sie verkehrt herum auf den Salzstreuer gesetzt.
»Ich sehe die Anzeige«, sagte Mara.
»Ich meine meinen Fuß.«
Mara kniete sich hin. Sie hatte die Schuhe am Donnerstag aus dem Depot mitgebracht, ordnungsgemäß ausgeliehen, mit einem Prüfzettel. Der Händler war unbekannt, der Empfänger ausgezogen. Im Begleitblatt stand, dass die Schuhe sich an die amtlich erfasste Größe anpassten. Mara hatte das für schlechte Werbung gehalten. Jetzt sah sie den roten Halbkreis oberhalb von Linns kleinem Zeh.
»Zieh ihn aus.«
»Das habe ich vor dem Frühstück gesagt.«
»Ich weiß.«
Sie wusste es. Sie hatte auch gesagt, neue Schuhe müssten erst weich werden. Nun löste sie das Band und hielt die Ferse fest, während Linn den Fuß herauszog. Die Lasche zeigte weiter sechsunddreißig. Das stimmte mit der Größe auf dem Bestellzettel für LinnsHallenschuhe überein. Es stimmte nur nicht mit dem Fuß überein, der hier auf einem kalten Küchenstuhl lag.
Mara schrieb auf den Prüfzettel: Drückt außen rechts.
»Links auch.«
Sie ergänzte: beidseitig.
Linn zog die Füße unter sich und nahm den Eideckel vom Salzstreuer. »Kann ich meine alten anziehen?«
»Natürlich.«
Das klang, als habe es nie eine andere Möglichkeit gegeben. Mara legte den Stift parallel zum Tischrand und schob ihn dann wieder schräg. Linn sah manchmal zu genau hin.
Über ihnen klopfte ein Rohr. Im Hof schlug eine Tür zu, danach hörte Mara jemanden über eine Kette fluchen. Das Haus hatte früher eine Bäckerei beherbergt. An feuchten Tagen kam noch ein warmer, süßer Geruch durchs Treppenhaus, obwohl unten längst Druckerpatronen lagerten. Heute roch es nach Toast und dem Leder von Linns altem Rucksack. Der stand offen vor ihrer Zimmertür, zwischen zwei Kartons, die Mara seit neun Monaten nicht endgültig ausgeräumt hatte.
Linn wollte ein Brett an der Wand. Mara wollte zuerst wissen, ob sie länger hier wohnen würde. Darüber hatte keine von beiden in diesen Worten gesprochen.
»In der Schule machen sie heute die Kulissen«, sagte Linn. »Für das Ferienprojekt. Ich brauche kein Sportzeug.«
»Ich habe dir keins eingepackt.«
»Du hast es neben die Tür gestellt.«
»Zur Sicherheit.«
Linn betrachtete die Tasche. »Vor was?«
Mara nahm sie weg. Ostermontag, Notdienst im Depot, Ferienwerkstatt in der Schule. Auf dem Kalender hatte sie alle drei Dinge eingetragen. Ihr Chef war am Sonntag krank geworden; seitdem ließ sich die freie Woche nur noch auf dem Papier erkennen. Linn ging mit der Nachbarin und deren Sohn zur Werkstatt. Mara hatte die Nummer der Betreuung zweimal geprüft und Mittagessen vorbestellt. Es gab keinen offenen Punkt, der sich mit
Kapitel
- 1 Kapitel 01 – Schuhe für eine Akte
- 2 Kapitel 02 – Nur entgegengenommen
- 3 Kapitel 03 – Minus vierzehn
- 4 Kapitel 04 – Ein Gast gibt zurück
- 5 Kapitel 05 – Fünf leere Felder
- 6 Kapitel 06 – Der zuverlässigere Widerspruch
- 7 Kapitel 07 – Annahme auf Zeit
- 8 Kapitel 08 – Ein Rückweg kostet
- 9 Kapitel 09 – Das Haus der sichtbaren Lasten
- 10 Kapitel 10 – Druckspuren
- 11 Kapitel 11 – Neunzehn Stunden
- 12 Kapitel 12 – Das Signal glaubt sich selbst
- 13 Kapitel 13 – Zwanzigtausend
- 14 Kapitel 14 – Sechs Tore, siebzehn Ja
- 15 Kapitel 15 – Der Erfolg fällt zurück
- 16 Kapitel 16 – Die Halle nimmt an
- 17 Kapitel 17 – Passend ist nicht gefragt
- 18 Kapitel 18 – Zwei Stunden frei
- 19 Kapitel 19 – Achtzehn Uhr
- 20 Kapitel 20 – Was ein Nein trägt
- 21 Kapitel 21 – Vorläufig bindend
- 22 Kapitel 22 – Das Angebot der Letztinstanz
- 23 Kapitel 23 – Keine einfache Abschaltung
- 24 Kapitel 24 – Dreiundneunzig ist kein Ja
- 25 Kapitel 25 – Bleiben ohne Behalten
- 26 Kapitel 26 – Die letzten zwanzig Einheiten
- 27 Kapitel 27 – Begründung erfasst
- 28 Kapitel 28 – Persönlich

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