Über diese Geschichte
Ein Jahresalmanach in Gedichten. Albrecht Lenzer, ehemaliger Lokalredakteur, beobachtet elf Monate lang das fiktive Kornweilen im thueringischen Vogtland: die Frau an der Raiffeisen-Kasse, den Trainer, die Pfarrersfrau, eine Mutter, die nach Jahren zurueck in die Kirche geht. Keine grossen Taten, kein Roman. Eine Stadt im Jahresgang, erzaehlt in freien Versen und knappen Prosa-Interludien, die nur verbinden, was ohnehin zusammengehoert.
Januar Die Raiffeisen Oeffnet Spaet
Die Raiffeisen öffnet spät im Januar,
acht Uhr dreißig, wenn es endlich dämmert.
Vor dem Eingang steht der Salzsack aufgerissen,
jemand hat ihn mit dem Ellenbogen getreten,
weiße Körner im schwarzen Matsch.
Frau Köhler an der Kasse
zieht die Handschuhe aus, einen nach dem anderen.
Sie ist die Witwe, seit drei Jahren.
Ihr Mann war Elektriker in Plauen,
die Leitung, sagte der Arzt, sei einfach gerissen
wie ein Kabel unter Last.
An der Kasse sagt sie zu jedem: Morgen.
Der Morgen ist schon vorbei,
aber keiner korrigiert sie.
Die Brötchen im Aufbackregal
haben die Farbe des Himmels.
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Zwischen den Regalen für Vogelfutter und Frostschutz steht der alte Herr Kaltenbrunner und überlegt, ob er sich den teureren Streumittel-Eimer leisten kann. Er steht lange. Niemand fragt ihn etwas.
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Die Landesstraße nach Hof
ist schwarz und leer.
Zwei Kinder gehen zur Schule,
die Tornister schwerer als sie selbst,
und an der Bushaltestelle
hat jemand eine Bierflasche stehen lassen,
halb gefüllt, halb Eis.
Ein Laster aus Bayern
fährt durch, ohne zu bremsen.
Die Rücklichter sind rot wie ein Gedanke,
den man nicht ausspricht.
Kornweilen. Einwohnerzahl: vierundzwanzighundertdrei.
Auf dem Schild am Ortseingang
hat der Frost die Ziffern zerfressen.
Es könnten auch weniger sein.
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Im Gemeindesaal probt niemand. Der Schlüssel hängt beim Hausmeister, und der Hausmeister hat Urlaub. Im Januarist Urlaub billig.
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Elke, die Mutter des Soldaten,
sitzt am Küchentisch
und ordnet die Rechnungen.
Strom. Gas. Müll. Kirchensteuer.
Sie zahlt die Kirchensteuer,
seit acht Jahren zahlt sie sie,
ohne dass sie zur Kirche geht.
Ihr Sohn hieß Tobias.
Er war einundzwanzig.
Die Kaserne war in Niedersachsen,
der Vorfall in Mali.
Das Wort Vorfall haben sie gebraucht,
in einem Brief, den sie noch besitzt,
in einer Schublade, die sie nicht öffnet.
Dieses Jahr, denkt sie und schreibt es
nicht hin, dieses Jahr gehe ich wieder.
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Der Bäcker hat sein Schaufenster
mit Lichterketten vom letzten Dezember,
die keiner abgenommen hat.
Sie blinken noch, aber nur
jede zweite Birne.
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Am Nachmittag setzt der Regen ein,
der Januar-Regen, der kein Schnee werden will,
der nicht wärmt und nicht heilt,
sondern nur die Dächer schwärzt
und in den Regenrinnen
ein Geräusch macht, das klingt,
als würde jemand Geld zählen
in einem anderen Zimmer.
Der Fußballplatz liegt unter Wasser.
Der Trainer, Herr Bäumler,
steht am Zaun mit einem Klemmbrett
und zählt die Flächen, die versanden,
die Flächen, die nicht zu retten sind.
Er notiert nichts.
Er weiß das alles schon.
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Um siebzehn Uhr ist Kornweilen wieder dunkel. Die Raiffeisen schließt. Frau Köhler dreht den Schlüssel im Schloss und der Schlüssel klemmt, wie jeden Abend, weil das Schloss alt ist und weil alles hier alt ist und weil das Ersatzteil aus einem Katalog kommen müsste, den niemand mehr bestellt.
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Auf dem Heimweg durch die Sudetenstraße
sieht Frau Köhler durch ein Küchenfenster:
ein Mann sitzt allein am Tisch,
ein Teller, eine Flasche, eine Zeitung.
Sie kennt ihn nicht.
Oder kannte ihn,
oder hat ihn ein Leben lang gesehen
und nie gewusst, wie er heißt.
Sie geht vorbei.
Der Januar ist ein Monat,
in dem niemand klingelt.
Kapitel
- 1 Januar Die Raiffeisen Oeffnet Spaet
- 2 Februar Eis Auf Der Pritsche
- 3 Maerz Erste Dohlen
- 4 April Das Schulspiel
- 5 Mai Pflanzregen
- 6 Juni Die Witwe Am Tresen
- 7 Juli Feuerwerk Und Die Feuerwehr
- 8 August Duerre Und Eine Beerdigung
- 9 September Fussballsaison
- 10 Oktober Der Erntewagen
- 11 November Der Hirsch Und Die Wahl

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