Juni Die Witwe Am Tresen
Im Juni ist es lang hell.
Die Raiffeisen schließt um neunzehn Uhr,
und Frau Köhler hat danach
noch eine Stunde Licht,
eine Stunde, die sie nicht weiß
wohin damit.
Sie geht zum ersten Mal seit Jahren
in die Dorfkneipe am Markt.
Nicht zur Tür hinein, die zur Gaststube führt —
die andere, die zum Tresen.
Dort ist man kürzer,
dort wird man weniger gefragt.
Sie setzt sich auf den Hocker,
den niemand seit Dienstag benutzt hat.
Der Wirt wischt das Holz.
Sie sagt: Ein Bier.
Er sagt: Welches?
Sie sagt: Das von hier.
Er zapft ihr ein Köstritzer.
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Am Tresen sitzt noch Kowalczyk, der Pole, der den Kopfball gegen Auma gemacht hat. Er nickt ihr zu. Sie nickt zurück. Sie haben sich hundertmal in der Raiffeisen gesehen. Sie haben sich nie gesprochen.
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Draußen fahren Autos
Richtung Hof, Richtung Plauen,
Richtung Grenze.
Die Fenster der Kneipe
sind seit den Achtzigern
leicht gelb von Rauch,
obwohl seit Jahren
nicht mehr geraucht wird drinnen.
Das Gelb bleibt,
wie eine Gewohnheit
nach dem Ende der Gewohnheit.
Frau Köhler trinkt langsam.
Sie hat nicht eilig.
Sie denkt an nichts Bestimmtes,
und das ist neu für sie,
und es ist gut.
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Kowalczyk sagt plötzlich: Frau, Sie kennen mich. Frau Köhler sagt: Ja. Er sagt: Sie kennen alle. Sie sagt: Nicht alle. Er lacht. Er hat gute Zähne, denkt sie, und dann wundert sie sich, dass sie das denkt.
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Er erzählt ihr,
was er nicht erzählen
