About this Story
Dr. Julia Reinhardt, vierunddreißig, Restaurierungsarchitektin aus Charlottenburg, verlobt, geordnet, soll einen arbeitenden Leuchtturm am brandenburgischen Wannseeufer für das Land Brandenburg restaurieren. Das Amt will Automatisierung und ein sauberes Gutachten. Was Julia stattdessen findet, ist Sarah Bonnet, die Tochter des letzten Wärters, die noch im Dienstquartier wohnt und eine halb fertige Promotion über Ostseeleuchttürme zwischen den Fenstern liegen hat. Sarah will, dass der Lieper Ort mehr bleibt als eine blinkende Lampe. Julia nimmt an, dass sie das Projekt zügig abschließt und zu Leon nach München zieht, der sie als Nebensatz seiner Karriere denkt. Doch zwischen Denkmalschutz, einer frisierten Altsanierung und dem Gedanken an eine rekonstruierte Fresnel-Linse verschiebt sich etwas, für das Julia lange keinen Namen hat. Ein Roman über das zweite Leben, das an der richtigen Stelle beginnt, wenn man aufhört, das erste zu verteidigen.
Der Anruf Aus Potsdam
Der Anruf kam an einem Dienstag im März, kurz nach halb elf, in jener Stunde, in der das Licht in Julias Büro am Lietzensee noch nicht entschieden hatte, ob es regnen würde. Sie saß vor einem Querschnitt eines Mietshauses in der Schlüterstraße, einem dieser behäbigen Gründerzeitbauten, deren Keller seit hundertzwanzig Jahren leise arbeiteten wie alte Lungen, und hatte gerade die Stelle gefunden, an der ein Vorgänger in den Siebzigern einen Ringbalken eingezogen hatte, der dort nichts zu suchen hatte. Als das Telefon klingelte, war ihre Hand mit dem Bleistift noch über dem Plan, und sie drückte das Freisprechen zu früh, bevor sie ihren Ton gefunden hatte.
"Reinhardt", sagte sie.
"Frau Doktor Reinhardt, hier Matthias Gehrke, Landesamt für Denkmalpflege Brandenburg."
Sie legte den Bleistift nieder, die Bewegung so alt wie das Geräusch der Leitung, das man in ehemaligen Behördenfluren noch hört, wenn man die Augen schließt. Gehrke war ein Name, den sie kannte; er hatte ein Gutachten zu einer Fassadenfrage in Potsdam geschrieben, das in ihrer Branche zwei Jahre lang zitiert worden war, weil es sich durchgesetzt hatte.
"Wir haben eine Sache", sagte er, "die nicht eilig ist und gleichzeitig eilt." Sie hörte ihn lächeln. "Kennen Sie den Lieper Ort?"
Sie kannte ihn. Nicht aus Arbeit, aus Sonntagen. Der kleine, stumpf zulaufende Leuchtturm saß am Westufer des Wannsees zwischenKladow und Groß Glienicke auf einem Stück Land, das zwar brandenburgisch war, das aber jeder Berliner, der auf dem Wasser verbracht hatte, als seins empfand. Ein Arbeiterturm, siebzehn Meter, gelber Klinker, dänisch anmutende Laterne, nachts ein verlässliches Weiß in den Takten kurz-kurz-lang. Sie hatte ihn zuletzt im vergangenen Juli gesehen, von einem gemieteten Segler aus, als Leon von ihr verlangt hatte, die Großschot nicht mehr so ängstlich zu halten.
"Ich kenne ihn."
"Gut. Die Liegenschaft ist dem Wasser- und Schifffahrtsamt vor zwei Jahren entzogen worden; die Landesregierung hat sie übernommen, weil sie für eine dieser Automatisierungsgeschichten vorgesehen war. Jetzt steht er in Denkmalschutz Kategorie eins, und der alte Wärter ist im Herbst verstorben. Wir brauchen eine bauliche Bestandsaufnahme und einen Sanierungsfahrplan. Denkmalgerecht, versteht sich. Ich habe Ihren Namen von Frau Voss bekommen."
Voss war ihre ehemalige Doktormutter. Sie verteilte Aufträge wie Kuchen, aber nur an Leute, die sauber gearbeitet hatten.
"Wann soll ich anfangen?"
"Mitte April, wenn es geht. Sie bekämen bis Ende November."
Sie sah aus dem Fenster auf die Linden in der Sophie-Charlotten-Straße, deren Knospen noch dichtgezogen waren wie verschränkte Finger. Acht Monate waren kurz für einen Leuchtturm und lang für ein Wohnzimmer.
"Eine Frage noch, Herr Gehrke. Bewohnt?"
Er zögerte, und sie hörte, dass er das Zögern für einen Moment geprobt hatte. "Die Tochter des Wärters lebt noch im Dienstquartier. Vorübergehend. Das Land hat ihr Bleiberecht bis zum Abschluss Ihres Gutachtens zugesagt. Sie ist, ähm, Fachfrau auf ihre Weise. Leuchtfeuerhistorikerin, fast fertig promoviert. Das wird Ihnen helfen und es wird Sie stören."
"Ein klarer Satz."
"Das ist mein Ehrgeiz, Frau Doktor

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