Was Sie Zu Behalten Waehlte
Sie gab das Gutachten am 29. November ab. Es war zweihundertvierzehn Seiten lang, einschließlich Anhang, mit vierundachtzig fotografischen Belegen, einer vollständigen Neudokumentation des Sockelbefundes von 1996/97 und einer dreiseitigen Empfehlung zur Prüfung einer möglichen Rekonstruktion der Fresnel-Linse dritter Ordnung, Sautter-Lemonnier, ungefähr vierhundertachtzig Kilogramm, Verbleib ungeklärt. Gehrke rief sie am folgenden Dienstag an, sagte, er habe schon bis zur Mitte gelesen, er habe nicht erwartet, dass sie die Linse finden würde, er werde das Folgegutachten in die Haushaltsplanung 2027 schieben. Ob sie Interesse habe. Sie sagte, sie habe Interesse. Er lachte trocken ins Telefon und sagte, er habe auch nichts anderes erwartet, und er wolle sie Mittwoch in der nächsten Woche zum Mittagessen in Potsdam einladen.
Am 5. Dezember fuhr sie nach München. Nicht um zu bleiben. Um mit Leon zu reden. Sie hatte ihm am 30. November geschrieben, *Ich komme Freitagabend. Ich muss mit dir reden, nicht am Telefon.* Er hatte geantwortet, *Dann weiß ich, was du sagen wirst*, und sie hatte, zum ersten Mal in sechs Jahren, gemerkt, dass er manchmal schärfer sehen konnte, als sie ihm zugetraut hatte.
Das Gespräch war nicht kurz und nicht lang. Es dauerte etwa zwei Stunden. Sie saßen in seiner Wohnung in Bogenhausen, die groß genug für zwei Menschen war und die er für zwei Menschen