Das Erste Abendessen
An einem Freitagabend Ende Mai blieb Julia, weil es spät geworden war. Sie hatten den Nachmittag mit dem Landesarchiv telefoniert, einer Frau namens Heinemann, die wusste, wo die 1996er-Akten liegen müssten und sie nicht finden konnte. Sarah hatte danach gekocht, nicht groß angekündigt, einfach mit dem Satz *Du bleibst, oder?*, und Julia hatte ohne zu überlegen genickt.
Es gab gebratene Zwiebelsuppe mit zu viel Butter, ein Stück Brot, das Sarah selbst gebacken hatte und das eine Kruste hatte wie ein alter Schuh, und ein Glas Weißwein, der aus dem Elsass kam, weil Sarahs Mutter ihr jedes Jahr im März zwei Kisten schickte, ohne dass Sarah sie darum bat. Das war die Art Mutterschaft, die Sarah akzeptiert hatte, erklärte sie, weil sie sich in Flaschen fassen ließ.
"Meine Mutter würde mir Wein schicken, wenn sie wüsste, wie das geht", sagte Julia. "Aber sie weiß nur, wie man Geld überweist."
"Das ist auch eine Art."
"Es ist nicht dieselbe Art."
Sie saßen am Tisch der Küche, den Sarah mit einer Leinendecke überzogen hatte, die Julia noch nicht gesehen hatte, die schon lange nicht mehr eine Sonntagsdecke war, aber es an dem Abend wurde. Draußen war es noch hell. Mai-Hell, so nannte Sarah es, dieses Licht, das den Mai zum längsten Monat macht, weil man um neun noch denkt, es sei sieben.
Sarah erzählte von ihrer Mutter, die in der Bretagne einen Hof bewohnte, der ihr nicht
