Der Anruf Aus Potsdam
Der Anruf kam an einem Dienstag im März, kurz nach halb elf, in jener Stunde, in der das Licht in Julias Büro am Lietzensee noch nicht entschieden hatte, ob es regnen würde. Sie saß vor einem Querschnitt eines Mietshauses in der Schlüterstraße, einem dieser behäbigen Gründerzeitbauten, deren Keller seit hundertzwanzig Jahren leise arbeiteten wie alte Lungen, und hatte gerade die Stelle gefunden, an der ein Vorgänger in den Siebzigern einen Ringbalken eingezogen hatte, der dort nichts zu suchen hatte. Als das Telefon klingelte, war ihre Hand mit dem Bleistift noch über dem Plan, und sie drückte das Freisprechen zu früh, bevor sie ihren Ton gefunden hatte.
"Reinhardt", sagte sie.
"Frau Doktor Reinhardt, hier Matthias Gehrke, Landesamt für Denkmalpflege Brandenburg."
Sie legte den Bleistift nieder, die Bewegung so alt wie das Geräusch der Leitung, das man in ehemaligen Behördenfluren noch hört, wenn man die Augen schließt. Gehrke war ein Name, den sie kannte; er hatte ein Gutachten zu einer Fassadenfrage in Potsdam geschrieben, das in ihrer Branche zwei Jahre lang zitiert worden war, weil es sich durchgesetzt hatte.
"Wir haben eine Sache", sagte er, "die nicht eilig ist und gleichzeitig eilt." Sie hörte ihn lächeln. "Kennen Sie den Lieper Ort?"
Sie kannte ihn. Nicht aus Arbeit, aus Sonntagen. Der kleine, stumpf zulaufende Leuchtturm saß am Westufer des Wannsees zwischen