Die Leuchtturmwaerterin
In der zweiten Woche fuhr Julia dreimal hin. Sie hatte sich in Kladow ein Zimmer gemietet, in einem Haus an der Imchenallee, in dem eine Witwe namens Frau Kanngießer die unteren Räume in Pension gab und die oberen selbst bewohnte. Morgens ging Julia um Viertel vor acht los, nahm den Feldweg am Wasser entlang und war um halb neun am Turm. Sarah war fast immer schon wach, manchmal mit nassen Haaren, manchmal in derselben grauen Fleecejacke, die sie gestern getragen hatte, mit einer Tasse in der Hand und einem Buch, das sie zuklappte, wenn Julia an der Tür stand.
"Kaffee?"
"Bitte."
Das war der Einstieg geworden. Julia hatte aufgehört, die Frage zu verneinen, weil der Kaffee besser war als in der Pension und die fünfzehn Minuten, die sie saßen, bevor Julia am Turm weiterarbeitete, begonnen hatten, ein Teil des Tages zu sein. An einem Donnerstag fragte sie.
"Warum sind Sie geblieben?"
Sarah hatte gerade eine Scheibe Brot in die Pfanne gelegt, Butter, Roggen, eine halbe Zwiebel. Sie drehte den Kopf nicht. "Was meinen Sie?"
"Ich meine, Sie sind französisch-deutsch, Sie haben in Kiel promoviert, Sie hätten nach Leipzig gehen können, wo Ihr Fachgebiet sitzt. Stattdessen sind Sie hier. In der Wohnung Ihres Vaters. Mit einem Turm, der Ihnen nicht gehört."
Sarah wendete das Brot. "Sie stellen die richtige Frage zur falschen Zeit. Das ist eine Kunst."
"Entschuldigung."
"Nein." Sie