Was Die Risszeichnungen Nicht Sagten
Die Akte aus 1996 fand sich Mitte Juni, nicht im Landesarchiv, sondern in einem Schrank im Keller des Wasser- und Schifffahrtsamtes Brandenburg an der Havel, in dem eigentlich nur Kartenmaterial zu den Schleusen liegen sollte. Frau Heinemann rief Julia an einem Dienstag kurz vor zehn an, mit der Art von Stolz in der Stimme, die Archivarinnen nach langen Suchen haben, und las zwei Aktenzeichen vor. Julia fuhr am Mittwochmorgen nach Brandenburg, saß in einem Kellerraum mit Neonlicht und trank zwei Kaffees aus einer Maschine, die älter war als sie selbst, und las.
Die Akte war dünn. Sie enthielt ein Leistungsverzeichnis, drei Rechnungen, ein paar grobe Skizzen auf Millimeterpapier, und ein Protokoll einer Abnahme, die in zwei Stunden erledigt gewesen sein musste. Die ausführende Firma hieß *Bauwerk Wünsdorf GmbH* und war 2003 insolvent gegangen. Das Leistungsverzeichnis listete *Rissverpressung, Fugen, Putzausbesserung Sockel*, und das war es im Wesentlichen.
Das, was nicht in der Akte stand, fand Julia an dem Nachmittag zurück am Turm. Sie hatte nach der Brandenburger Fahrt beschlossen, noch einmal den Sockel zu öffnen, einen Handflächen-großen Bereich, in dem ihr der Klinker bei einer Klopfprobe verdächtig klang. Sarah half ihr, hielt den Eimer, sprach wenig. Julia löste drei Klinker mit einem Fugenmeißel, und hinter dem Klinker kam, nicht nur an dieser Stelle, sondern sich in
