Eine Hochzeit Im November
Anfang Oktober heirateten Leons Cousin und seine Verlobte in München. Julia hatte die Einladung seit April, sie hing an ihrem Kühlschrank in Charlottenburg, und sie hatte sich seit April erfolgreich nicht gefragt, ob sie fahren würde. Leon hatte ihr Ende September eine Nachricht geschickt, *Ich hab dir einen Platz beim Essen neben Anna reserviert, sie freut sich, du fliegst Samstag Mittag?*, und sie hatte gemerkt, dass die Sätze keine Frage mehr enthielten.
Sie flog. Am Samstag gegen vierzehn Uhr stand sie mit ihrem kleinen Trolley am Gate in München, in einem hellgrauen Anzug, der nicht ganz der war, den man auf Hochzeiten anziehen sollte, aber einer, in dem sie sich seit fünf Jahren wie sie selbst fühlte, und Leon empfing sie. Er war braun. Er war in der Art braun, in der Menschen braun sind, die zwischen zwei Terminen eine Stunde auf einer Dachterrasse sitzen. Sein Anzug saß. Er umarmte sie lang, und sie merkte, dass sie ihn lange nicht umarmt hatte, und dass die Lücke zwischen ihnen sich anfühlte wie zwischen zwei Blättern, die im selben Buch lagen, aber nicht nebeneinander.
"Du siehst müde aus."
"Projekt."
"Ja. Der Leuchtturm." Er lächelte. "Anna hat mir gesagt, sie freut sich, dich zu sehen. Du weißt, Anna kommt jetzt als Planerin zum Büro."
"Das hast du mir nicht erzählt."
"Doch, letzte Woche." Es war ein Satz, mit dem er Gespräche manchmal schloss, eine sanfte