Über diese Geschichte
Dresden, Herbst 1884. Zwischen der siebenten und der achten Gaslaterne auf dem nächtlichen Heimweg vom Königlichen Hoftheater verschwindet die junge Tänzerin Phoebe Lederle, und niemand in der Elbmetropole mag glauben, daß es sich um mehr als eine flüchtige Liebschaft handele. Kriminalrat Josef Werner, ein bedächtiger Beamter im Dienst Seiner Majestät, wird mit der Sache betraut, weil sich die Familie nicht gänzlich abweisen, aber auch nicht zu gut behandeln läßt. An seiner Seite steht, inoffiziell und nach Feierabend, Fräulein Carow vom Telegrafenamt am Neumarkt, die bemerkt, welche Depeschen nicht aufgegeben werden. Ein Tanzmeister, der Buch führt wie ein Kaufmann, ein Leihhausbesitzer mit einem Zimmer zuviel, ein Kutscher ohne Gedächtnis und neun Laternenanzünder, die ihren Dienst im selben Bogen verrichten — der Fall führt tief in die sächsische Bürokratie und in die Hinterhöfe der Residenzstadt. Ein wilhelminischer Kriminalroman nach den Regeln des Fair Play.
Eine Taenzerin In Handschuhen
Der Regen hatte gegen elf Uhr nachgelassen, als Kriminalrat Josef Werner über den Neumarkt ging, und das Pflaster hielt das Licht der Laternen so sorgfältig fest, als sei es angewiesen, nichts davon an den Himmel zurückzugeben. Die Frauenkirche stand als schwarzer Kelch über dem Platz, und hinter ihr, wo das Viertel sich enger wurde, flackerten jene neun Gaslichter, von denen das polizeiliche Protokoll später so gründlich handeln sollte, daß ein Unkundiger es für eine Abhandlung über die städtische Beleuchtung halten konnte.
Werner war fünfzig Jahre alt und trug seinen Dienstmantel in dem sauberen, ein wenig abgetragenen Zustand, den Männer erreichen, die zweimal täglich eine Bürste durch den Stoff ziehen. Er war kein großer Mann; er war nicht laut, und er war nicht aufdringlich. In den Aktenschränken des Präsidiums hieß es von ihm, er sei ein Routinier, und der Begriff war so oft ausgesprochen worden, daß niemand ihn mehr prüfte. Seine Vorgesetzten hielten ihn für langsam, und das war ihnen recht, denn langsam bedeutete in ihrer Sprache berechenbar.
An diesem Abend, dem siebzehnten Oktober des Jahres eintausendachthundertvierundachtzig, war ihm der Fall einer verschwundenen Tänzerin zugewiesen worden, und Werner hatte, als ihm die Akte über den Tisch gereicht wurde, nichts dazu gesagt. Er hatte nur die Hand nach dem Deckel ausgestreckt, einen Moment innegehalten und dasDatum der Eingangsnotiz gelesen. Zwei Tage lag die Meldung zurück. Zwei Tage, in denen niemand etwas unternommen hatte, und als Werner den Namen der Familie bemerkte — nicht adlig, nicht kaufmännisch, nur eine ordentliche Dresdner Mittelstandsfamilie mit Verbindungen zu einem Stadtrat zweiten Ranges —, verstand er, weshalb man gerade ihn geschickt hatte. Die Lederles waren zu gut vernetzt, als daß man sie gänzlich abweisen konnte, und zu schlecht vernetzt, als daß man einen fähigeren Beamten hätte opfern müssen.
Phoebe Lederle war neunzehn Jahre alt, Tänzerin im Corps de ballet des Königlichen Hoftheaters, die Tochter eines Rechnungsrats im Finanzministerium des Königreichs Sachsen. Sie hatte am fünfzehnten Oktober nach der Abendvorstellung, die um halb elf geendet hatte, den Rückweg zur Wohnung der Eltern in der Rampischen Straße angetreten, wie an fünf Abenden jeder Woche. Die Strecke betrug nach Werners Schätzung nicht mehr als elf Minuten zu Fuß, sie führte an neun Gaslaternen vorbei, und auf ihr war Phoebe Lederle zum letzten Mal gesehen worden, wie man später annahm, zwischen der siebenten und der achten.
Werner hatte das Theater an diesem Abend nicht betreten. Er wollte den Weg gehen, den sie gegangen war, und er wollte ihn im Dunkeln gehen, denn er mißtraute Zeugenaussagen, die am Mittag aufgenommen wurden. Er begann am Portal des Hoftheaters, nickte dem Portier zu, der ihn kannte, wie die Portiers eines bestimmten Alters in Dresden ihn alle kannten, und trat hinaus auf den Theaterplatz. Der Nebel lag niedrig. Die Sophienkirche zeichnete sich grau gegen das Dunkelblau des Himmels ab. Werner nahm seine Taschenuhr heraus, drehte sie im Licht der ersten Laterne und wartete, bis der Minutenzeiger den vollen Strich überschritt. Dann ging er.
Er zählte die Schritte
Kapitel
- 1 Eine Taenzerin In Handschuhen
- 2 Die Zimmer Ueber Dem Leihhaus
- 3 Die Zeugin Aus Dem Telegrafenamt
- 4 Wie Ein Tanzmeister Buch Fuehrt
- 5 Eine Zweite Taenzerin Fehlt
- 6 Das Muster Der Laternenanzuendung
- 7 Ein Kutscher Der Sich Nicht Erinnert
- 8 Was Die Garderobe Enthielt
- 9 Das Gestaendnis Das Niemand Unterschrieb
- 10 Am Droschkenstand Im Regen
- 11 Das Neunte Licht

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