Eine Taenzerin In Handschuhen
Der Regen hatte gegen elf Uhr nachgelassen, als Kriminalrat Josef Werner über den Neumarkt ging, und das Pflaster hielt das Licht der Laternen so sorgfältig fest, als sei es angewiesen, nichts davon an den Himmel zurückzugeben. Die Frauenkirche stand als schwarzer Kelch über dem Platz, und hinter ihr, wo das Viertel sich enger wurde, flackerten jene neun Gaslichter, von denen das polizeiliche Protokoll später so gründlich handeln sollte, daß ein Unkundiger es für eine Abhandlung über die städtische Beleuchtung halten konnte.
Werner war fünfzig Jahre alt und trug seinen Dienstmantel in dem sauberen, ein wenig abgetragenen Zustand, den Männer erreichen, die zweimal täglich eine Bürste durch den Stoff ziehen. Er war kein großer Mann; er war nicht laut, und er war nicht aufdringlich. In den Aktenschränken des Präsidiums hieß es von ihm, er sei ein Routinier, und der Begriff war so oft ausgesprochen worden, daß niemand ihn mehr prüfte. Seine Vorgesetzten hielten ihn für langsam, und das war ihnen recht, denn langsam bedeutete in ihrer Sprache berechenbar.
An diesem Abend, dem siebzehnten Oktober des Jahres eintausendachthundertvierundachtzig, war ihm der Fall einer verschwundenen Tänzerin zugewiesen worden, und Werner hatte, als ihm die Akte über den Tisch gereicht wurde, nichts dazu gesagt. Er hatte nur die Hand nach dem Deckel ausgestreckt, einen Moment innegehalten und das