Die Zimmer Ueber Dem Leihhaus
Das Leihhaus Grünewald befand sich im Erdgeschoß eines dreistöckigen Hauses, dessen Putz an der Wetterseite blätterte, und es war laut polizeilichem Gewerbeverzeichnis seit achtzehnhundertsiebenundsechzig auf denselben Besitzer eingetragen. Werner hatte sich das Verzeichnis am Morgen kommen lassen, noch ehe er seinen Kaffee getrunken hatte, und er hatte aus ihm eine Reihe kleiner Notizen in sein ledernes Heft übertragen, mit jener sauberen, leicht nach rechts geneigten Schrift, die seine Vorgesetzten für die Handschrift eines Unterbeamten hielten.
Er trat um neun Uhr in das Leihhaus ein. Die Ladenglocke war alt und gab einen trockenen, zweigeteilten Ton von sich, der nicht recht ausklingen wollte. Hinter dem Tresen saß ein Mann von etwa sechzig Jahren mit grau gesprenkeltem Vollbart und einer Brille, deren eines Glas auffallend sauberer war als das andere, als habe er sich angewöhnt, nur mit dem rechten Auge genau zu sehen. Er nickte Werner zu, ohne aufzustehen.
„Herr Grünewald?"
„Der bin ich."
„Josef Werner, Königliche Polizeidirektion. Ich komme in einer Angelegenheit, die außerhalb Ihres Gewerbes liegt. Es geht um eine Beobachtung."
Grünewald legte die Feder, mit der er in einem Kontobuch geschrieben hatte, behutsam auf den Tintenständer. Er schloß das Buch nicht. Werner nahm das wahr.
„Eine junge Dame, Fräulein Phoebe Lederle, ist am Mittwochabend auf dem Heimweg vom
