Eine Zweite Taenzerin Fehlt
Am folgenden Morgen ließ Werner sich die Liste der im Corps de ballet des Königlichen Hoftheaters angestellten Damen bringen. Die Liste führte siebenundzwanzig Namen, davon fünf als beurlaubt, zwei als krank, zwanzig als im Dienst. Werner las sie zweimal. Dann ließ er sich, zum Mißfallen des Oberballettmeisters, die Probenprotokolle der letzten drei Wochen vorlegen.
Das Hoftheater führte, wie alle königlich-sächsischen Häuser der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, ein tägliches Probenprotokoll, das von einem Inspizienten gezeichnet wurde. Jede Tänzerin, die zur Probe erschien, wurde durch ein Kreuz vermerkt; jede, die fehlte, durch einen waagerechten Strich. Dahinter, in einer gesonderten Spalte, wurde der Grund eingetragen, soweit bekannt: *krank, beurlaubt, entschuldigt, unentschuldigt*.
Werner saß in dem kleinen, fensterlosen Kontor des Inspizienten, eine Tasse abgekühlten Kaffees neben sich, und ging die Protokolle durch. Er führte auf einem gesonderten Bogen eine Tabelle. In der ersten Spalte trug er die Namen der Tänzerinnen ein, in den weiteren Spalten die Tage. Er markierte jedes Fehlen. Nach einer halben Stunde hatte er die Arbeit getan, und er las die Tabelle und sah, was er hatte sehen wollen.
Zwei Tänzerinnen wiesen ein ungewöhnliches Muster auf. Die eine war Phoebe Lederle, die seit dem fünfzehnten Oktober nicht mehr erschienen war; das war zu erwarten gewesen.
