Ein Kutscher Der Sich Nicht Erinnert
Der Droschkenstand vor dem Hoftheater war einer der wichtigsten der Stadt, und die Kutscher, die an ihm standen, waren durchweg konzessionierte Droschkenbesitzer, die ihre Lizenz beim Königlichen Polizeiamt zu erneuern hatten. Ihre Namen waren dort verzeichnet, ihre Wagen numeriert, ihre Pferde beschrieben. Werner ließ sich das Verzeichnis der Kutscher bringen, die am Mittwochabend, dem fünfzehnten Oktober, Dienst gehabt hatten. Das Verzeichnis führte elf Namen.
Er unterstrich einen davon. Der Name lautete Gottlieb Mehnert, Wagennummer 248, Alter zweiundfünfzig Jahre, wohnhaft in der Pirnaischen Vorstadt, im Polizeiverzeichnis seit zwanzig Jahren geführt, zweimal wegen Trunkenheit im Dienst verwarnt, einmal wegen einer Unregelmäßigkeit in der Abrechnung mit einer Prostituierten vom Pirnaischen Platz verhört, jedoch nicht bestraft. Werner unterstrich den Namen, weil Mehnerts Wagen zu den beiden Kutschen gehörte, die er in jenem Hinterhof gesehen hatte.
Er suchte Mehnert am Nachmittag auf. Der Kutscher war in seiner Kammer, einer engen, hinter der Küche gelegenen Stube, die mit einer Pritsche, einem Tisch, einem Stuhl und einem kleinen eisernen Ofen ausgestattet war. Auf dem Tisch stand eine halb geleerte Flasche Branntwein. Mehnert war nüchtern, aber er war es in jener Weise, in der man nüchtern ist, wenn man zu wissen glaubt, wozu man nüchtern sein muß.
Werner stellte sich