Das Neunte Licht
Werner fuhr am selben Morgen mit dem Neun-Uhr-Zug nach Prag. Er hatte die Erlaubnis des Polizeipräsidenten, die telegrafisch über die Reichsgrenze hinweg die Mithilfe der k. k. Polizeibehörde in Prag angefordert hatte, und er reiste mit einem Kanzlisten des Präsidiums, einem jungen Mann namens Oswald, der ihm die Akten trug. Er reiste in zweiter Klasse, weil er erste Klasse für unangemessen hielt, und er aß sein Mittagbrot aus dem Reisekörbchen, das ihm seine Wirtin mitgegeben hatte.
In Prag nahm ihn Inspektor Hracek in Empfang, ein gedrungener Mann mit sorgfältigem Bart und jener böhmischen Höflichkeit, die in der k. k. Beamtenschaft erlernt, nicht geboren wurde. Hracek hatte das Quartier des Dr. Kraus in der Kleinseite bereits beobachten lassen. Eine junge Frau war dort am vorigen Abend in einem geschlossenen Wagen angekommen, offenbar gegen ihren Willen. Sie war nicht mehr aus dem Hause gekommen. Dr. Kraus war nicht anwesend; er wurde in Wien erwartet.
Der Zugriff erfolgte um sechs Uhr abends, nach böhmischer Zeit. Werner blieb hinter Hracek, wie es die Dienstordnung vorschrieb, aber er trat als erster in das Zimmer, in dem Phoebe Lederle festgehalten wurde. Sie saß auf einem Stuhl. Ihre Hände waren nicht gefesselt. Sie trug ein einfaches Reisekleid, das nicht ihres war, und ihr Haar war in der Eile gerichtet worden. Sie war dünn, sie hatte dunkle Schatten unter den Augen,
