About this Story
Fünfzehn Jahre nachdem Magda Weiss das niederbayerische Dorf ihrer Kindheit Richtung Hamburg verlassen hat, wo sie als Theaterbeleuchterin lebt, holt ein Dienstagnachmittag sie zurück. Ihre Mutter Regina ruft an: Eberhard ist ins Hospiz verlegt worden, zu Sankt Nikolaus in Landshut, die Lunge endgültig hinüber nach zwanzig Jahren COPD. Ihr Bruder Stefan, der geblieben ist, das Fuhrgeschäft übernommen und die Frau geheiratet hat, die Magda in der zehnten Klasse nicht mochte, weiß nicht, daß sie kommt. Über elf Tage im April in einem Haus, das in ihrer Abwesenheit älter geworden ist, wird Magda gemessen an der Familie, die sie verlassen hat, und an der, die ohne sie weitergemacht hat. Es gibt keine großen Geständnisse, keine Versöhnung, die etwas zubindet. Es gibt eine Mutter am Herd, einen Hund, den sie nicht kennt, einen Streit in der Küche, einen Vater, der an einem guten Nachmittag sagt, was er zu sagen hatte. Constanze Hells leiser, unerbittlicher Roman darüber, was die Gegangenen den Gebliebenen schulden.
Der Anruf An Einem Dienstag
Das Telefon klingelte um zwanzig nach vier an einem Dienstag, und das war eine schlechte Zeit für ein Telefonat, weil es die Stunde ist, in der der Nachmittag zu lange gedauert hat und der Abend noch nicht begonnen hat, und man kann nicht mehr so tun, als sei man beschäftigt. Ich saß am Küchentisch in der Wohnung in Ottensen vor einer kalten Tasse Kaffee und einem Lichtplan für eine Wiederaufnahme von Drei Schwestern, der sich nicht auflösen wollte. Der Regisseur wollte den dritten Akt so ausgeleuchtet haben wie ein Zimmer, in dem zu viele Jahre nicht gelüftet worden war. Ich hatte eine Stunde lang auf den Bühnenplan gestarrt und nichts gezeichnet.
Ich wußte, daß es meine Mutter war, bevor ich abnahm. Sie rief immer über das Festnetz an, obwohl ich ihr die Handynummer zweimal gegeben hatte, das zweite Mal in Blockbuchstaben auf der Rückseite einer Weihnachtskarte. Sie traute dem Mobilen nicht. Sie traute keiner Nummer, die nicht an einer Wand hing.
„Magda", sagte sie.
„Mama."
Sie ließ ein Schweigen verstreichen, das nicht unangenehm war. Meine Mutter und ich hatten eine lange, eingeschliffene Grammatik der Pausen. Ich wartete.
„Sie haben ihn verlegt", sagte sie. „Am Montag haben sie ihn rauf ins Hospiz gebracht. Zum Sankt Nikolaus. Das draußen bei der Piflas-Brücke."
„Ja", sagte ich.
„Sie haben g'sagt, ich soll der Familie Bescheid geben. Falls wer kommen will."
Inihrer Stimme war nichts. Sie hätte genausogut anrufen können, um mir zu sagen, daß das Heizöl wieder teurer geworden sei. Meine Mutter rief mich seit vier Jahren auf diese Art an, seit dem ersten schlechten Winter, in dem der Vater keinen Satz mehr zu Ende bringen konnte, ohne anzuhalten und zu atmen, und jedesmal hatte sie gesprochen, als ändere sich das Wetter und nicht ein Mensch.
„Wie geht's ihm denn?" fragte ich.
„Paßt schon. Er hat die Pumpe jetzt. Heut früh hat er mich kannt."
„Und dir?"
„Ach. Geht scho."
Über sie würden wir nicht reden. Das taten wir nie. Ich sah auf den Lichtplan und auf meine Handschrift darauf, die aussah wie die Handschrift von einer Fremden, und ich stellte die Tasse ab und machte kein Geräusch.
„Kimmst du", sagte sie.
Es war keine Frage, nicht ganz. Der bayerische Tonfall war herausgeschnitten. Sie hatte es so schlicht gemacht, wie sie es zustande brachte, und es hatte sie etwas gekostet, es schlicht zu sagen, weil wir keine Familie waren, die gerade heraus bat. Wir waren eine Familie, die Sachen in die Luft hängte und wartete, ob sie heruntergenommen würden.
„Ich komm", sagte ich.
„Donnerstag langt a", sagte sie. „Steig nicht heut abend in irgendeinen Zug und kommst ganz fahrig an."
„Ich komm am Donnerstag."
„Es hat keine Eil. Sie haben g'sagt, er hat noch a Weil."
„Wie lang ist a Weil", sagte ich, bevor ich mich entscheiden konnte, es nicht zu sagen.
„Sie sagen's ned. Sie sagen's nie."
Sie legte auf, bevor ich auflegte, was sie in den letzten Jahren angefangen hatte. Früher gab es ein Ritual, in dem jede auf die andere wartete. Jetzt ging sie zuerst.
Ich saß lange am Tisch. Der Plan auf dem Papier hatte sich nicht verändert. Ich hatte kalt, kalt, wärmer hinten links mit Bleistift oben darübergeschrieben, und darunter
Chapters
- 1 Der Anruf An Einem Dienstag
- 2 Die Fahrt Nach Niederbayern
- 3 Das Haus Wie Es Jetzt Ist
- 4 Meine Mutter Am Herd
- 5 Mein Bruder Wurde Nicht Informiert
- 6 Die Hospizregeln
- 7 Ein Brief Den Ich Nicht Schickte
- 8 Der Vater Im Sessel
- 9 Ein Streit In Der Kueche
- 10 Die Nacht In Der Er Nicht Mehr Sprach
- 11 Was Ich Mitgenommen Habe

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