Chapter

Der Anruf An Einem Dienstag

Das Telefon klingelte um zwanzig nach vier an einem Dienstag, und das war eine schlechte Zeit für ein Telefonat, weil es die Stunde ist, in der der Nachmittag zu lange gedauert hat und der Abend noch nicht begonnen hat, und man kann nicht mehr so tun, als sei man beschäftigt. Ich saß am Küchentisch in der Wohnung in Ottensen vor einer kalten Tasse Kaffee und einem Lichtplan für eine Wiederaufnahme von *Drei Schwestern*, der sich nicht auflösen wollte. Der Regisseur wollte den dritten Akt so ausgeleuchtet haben wie ein Zimmer, in dem zu viele Jahre nicht gelüftet worden war. Ich hatte eine Stunde lang auf den Bühnenplan gestarrt und nichts gezeichnet. Ich wußte, daß es meine Mutter war, bevor ich abnahm. Sie rief immer über das Festnetz an, obwohl ich ihr die Handynummer zweimal gegeben hatte, das zweite Mal in Blockbuchstaben auf der Rückseite einer Weihnachtskarte. Sie traute dem Mobilen nicht. Sie traute keiner Nummer, die nicht an einer Wand hing. „Magda", sagte sie. „Mama." Sie ließ ein Schweigen verstreichen, das nicht unangenehm war. Meine Mutter und ich hatten eine lange, eingeschliffene Grammatik der Pausen. Ich wartete. „Sie haben ihn verlegt", sagte sie. „Am Montag haben sie ihn rauf ins Hospiz gebracht. Zum Sankt Nikolaus. Das draußen bei der Piflas-Brücke." „Ja", sagte ich. „Sie haben g'sagt, ich soll der Familie Bescheid geben. Falls wer kommen will." In

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