Die Hospizregeln
Das Hospiz Sankt Nikolaus lag am Ortsrand von Landshut, hinter der Piflas-Brücke, in einem Neubau, der von außen aussah wie eine Grundschule, ein niedriger, breiter Kasten aus hellem Klinker mit einem Flachdach und einem kleinen Parkplatz und einem Beet mit Heidekraut am Eingang, das ein Komitee gepflanzt hatte. Es gab ein Schild auf deutsch. Es gab eine Klingel neben der Tür. Meine Mutter läutete, obwohl die Tür offen war. So etwas machte man.
Eine Frau in einer dunkelblauen Fleecejacke kam aus einem Glaskabinett heraus und sagte: „Regina. Du bist früh."
„Bin i. Des is meine Tochter. Sie is gestern kommen."
„Ah, Sie sind die Magda. I bin die Traudl. Herzlich willkommen."
Die Traudl war die Krankenschwester aus Eggenfelden, von der meine Mutter gesprochen hatte. Sie hatte ein Gesicht, das so lange auf Menschen geachtet hatte, daß es sich in eine beständige kleine Bereitschaft ordnete, die Bereitschaft einer Frau, die seit dreißig Jahren kurz davor war, jemandem zu helfen. Sie gab mir die Hand. Ihre Hand war warm und trocken und verweilte nicht.
„Er hat ka guade Nacht g'habt", sagte sie. „Er war unruhig um halb vier. Wir haben ihn beruhigt. Er schläft jetzt, aber er wird in der nächsten Stunde hochkommen."
„Wird er mich kennen", sagte ich, bevor meine Mutter es konnte.
Die Traudl sah mich an mit einer freundlichen professionellen Direktheit.
„Mag sein. Mag auch nicht.
