About this Story
Drei Jahre nach dem Tod des alten Königs steht das Reich Ostreich vor der nächsten Kurfürstenwahl, und der Reichskanzler Otwin hat längst begonnen, sie zu ordnen wie ein Kanzleischreiber seine Mappen. Als Aneli von Halden aus ihrer verarmten Grenzmark in die Hauptstadt Ostenfels reist, trägt sie nur einen Brief ihrer verstorbenen Mutter bei sich und keine Absicht, ihn jemandem zu zeigen. Der Brief behauptet, die gläsernen Tore der alten Reichsstädte, von denen man seit Generationen nur noch in Kanzleiformeln und Wiegenliedern spricht, seien niemals erloschen, und ihre eigene Blutlinie trage einen Schlüssel, der nie eingefordert wurde. Die alte Kurfürstin-Witwe Margareta glaubt es sofort. Der Reichskanzler fürchtet es. Zwischen einem verfälschten Wachsiegel, einer Domkapitelstimme, die sich nicht kaufen lässt, und einem Schwur, den sie niemals leisten wollte, wird Aneli lernen, dass ein Erbe nicht davon verschwindet, dass man es ignoriert.
Der Ritt Nach Halden
Die Straße nach Halden war im Herbst stets die schlechteste im Land, und Aneli hatte lange genug in der Grenzmark gelebt, um zu wissen, dass niemand diesen Zustand beklagen würde. Man hielt es für eine Form von Schutz. Wer nicht zu uns kommen konnte, konnte uns auch nicht erreichen, und die Grenzmark Halden hatte seit vier Generationen davon gelebt, von allen Landkarten gerade eben noch erfasst, von allen Kassen des Reiches aber nie wirklich erinnert zu werden. Die Räder ihres kleinen Reisewagens sanken in den Lehm, wie sie es schon oft getan hatten; der Knecht fluchte nicht mehr, er sah nur müde zum Himmel, als hätte er sich mit ihm auf eine stille, unfreundliche Abmachung geeinigt.
Aneli ritt voraus. Sie ritt ungern voraus, aber sie ritt an diesem Morgen lieber allein, weil sie die Umschläge in ihrer Satteltasche nicht mit Gesprächen in Verbindung bringen wollte. Drei Umschläge. Ein Empfehlungsschreiben ihrer verstorbenen Mutter an die Kurfürstin-Witwe Margareta, ein Schuldschein der Haldener Kanzlei an den Bankier Leser in Ostenfels über neunzig Taler und neunundvierzig Groschen, und, zuunterst, in einem Futteral aus altem Tuch, das einmal die Farbe eines Messgewandes gehabt haben musste, der Brief, den ihre Mutter auf dem Totenbett geschrieben hatte und für den Aneli zu dieser Stunde noch keine endgültige Meinung fand.
Sie war vor fünfzehn Tagen aus Halden aufgebrochen.Zweitausendsechshundert Schritt bis zur Reichsstraße, die ihren Namen mehr aus Tradition als aus Beschaffenheit trug, und von dort in vier Tagesritten bis zur Wieberinger Furt, wo das Land endlich zu Ebene und zu Gewohnheit wurde. Sie hatte die Furt am dritten Tag erreicht, und dort, beim Fährhaus, hatte ein alter Zöllner sie angesehen, als gehöre sie nicht in seinen Tag. Halden, hatte er gesagt und das Wort gedehnt, als sei es eine Krankheit, die er nicht nennen wolle. Man hört von Halden. Aneli hatte nicht gefragt, was man hörte, und er hatte ihr seinen Zoll abgenommen und sie weiterziehen lassen.
Man hörte, dass die Grenzmark arm geworden sei. Das stimmte. Man hörte, dass die Markgräfin tot sei. Das stimmte seit achtundzwanzig Wochen. Man hörte, dass ihre Tochter die Verwaltung fortführe, was niemand für möglich hielt, weil sie neunzehn Jahre alt sei und nie in Ostenfels gewesen. Das stimmte, soweit es Aneli anging, in allen Punkten bis auf den letzten, denn sie war jetzt unterwegs, und die Mutter in ihrem Brief hatte sie bitter darum gebeten, dass dieser letzte Punkt nicht länger zutreffen möge.
An diesem Morgen ritt sie am Wald entlang, der bei Halden noch Hochwald hieß und bei Eichelroden sich verzog, als hätte er es sich anders überlegt. Die Luft roch, wie sie in der Grenzmark im Herbst immer roch, nach nassem Laub und nach dem feinen, harten Rauch der Torffeuer, die die Leute in den Kätnerstellen brannten, weil Holz zu teuer war, wenn man es mit Taler bezahlen musste, die im Rechnungsbuch erst im Frühjahr eingetragen wurden.
Sie hatte an diesem Morgen, in der Stunde vor Sonnenaufgang, das Gutshaus zum letzten Mal aus der Entfernung gesehen. Aus Gewohnheit war sie am Ostfenster vorbeigegangen, um das Siegel der Mutter noch einmal zu betrachten, das in der

Sign in to join the conversation.
Be the first to leave a comment.