Brief Meines Vaters
Sie hatte den Brief ihrer Mutter oft gelesen, aber sie hatte den Brief ihres Vaters lange nicht mehr gelesen, und an diesem Abend, in der Kammer des Goldenen Schwans, fand sie, dass es die Stunde sei, es zu tun. Der Brief ihres Vaters war in eine Mappe aus Ziegenleder eingeschlagen, die einmal einem Grenzmarkamtmann gehört hatte und deren Bindung auf der Innenseite ein kleines, fast unsichtbares Monogramm trug, welches Aneli nie hatte zuordnen können. Sie hatte die Mappe als Kind gefunden, in einem Schrank, der immer verschlossen gewesen sein sollte und nie war, und sie hatte die Mappe dreiundfünfzig Tage lang bei sich getragen, bevor sie sich traute, sie der Mutter zu zeigen. Die Mutter hatte den Brief gelesen, ihr die Mappe in die Hand gedrückt und gesagt: Heb das auf. Heb das gut auf. Frag mich noch nicht danach.
Sie hatte nicht gefragt, und sie hatte die Mappe seitdem zweimal im Jahr gelesen, in den Nächten vor den Ostermessen und in den Nächten um den Namenstag der Mutter herum. An den anderen Tagen lag die Mappe unter einer Diele, zu der kein Weg führte, wenn man den Weg nicht kannte, und an der die Mutter mit einem Blick jedes Mal vorbeigesehen hatte, als sei dort nichts. Jetzt lag die Mappe auf dem Tisch in Ostenfels, und Aneli brach das alte Band auf und las.
*Mein liebes Kind, wenn Du dies einmal bekommst, dann werden viele Dinge nicht mehr so sein, wie sie jetzt