Ein Abend In Der Herberge
Am Abend war der Schanktisch des Goldenen Schwans voller als gewöhnlich, und die Gespräche hatten jenen festen, unfreundlichen Ton, den man in Ostenfels anschlug, wenn eine Nachricht aus der Kanzlei durch die Stadt gegangen war, ohne dass man ganz begriffen hatte, was sie bedeute. Aneli saß in der Ecke, unter dem gelben Lichtkreis einer Lampe, und trank ein Glas warmen Most, der nach Zimt schmeckte und nach der Küche der Wirtin, die, wie man erfuhr, einmal am Hof einer Kurfürstin gedient hatte, bevor sie in die Gastwirtschaft gegangen war, weil, wie sie bei jeder Gelegenheit sagte, die Gastwirtschaft ihr die Wahrheit über die Menschen billiger liefere.
Zwei Boten waren am Nachmittag in der Stadt gewesen. Der eine war aus Freiburg im Süden geritten und hatte einen Brief an die Reichskanzlei gebracht, der angeblich die Einwilligung der dortigen Kurwürde zu einem nicht näher benannten Tagesordnungspunkt enthalte. Der andere war aus dem Domkapitel selbst gekommen, hatte den Hof der Kanzlei aber nicht betreten, sondern war, man wusste nicht wohin, im Kreuzgang verschwunden. Dass das Domkapitel sich dem Kanzler nicht zeigte, war nicht ungewöhnlich. Dass man darüber am Schanktisch redete, war es.
Eine Stimme am Nachbartisch, Zunftkleidung, eine mit Jahren kundiger Hände gezeichnete Rechte am Bierkrug: »Otwin wird es so machen wie vor fünf Jahren. Er wird die Sitzung zwei Tage vor
