Das Haus Der Kurfuerstenwitwe
Das Haus der Kurfürstin-Witwe Margareta stand nicht, wie man hätte vermuten können, zwischen der Reichskanzlei und dem Dom, sondern abseits der Hauptachse, hinter einem ummauerten Garten, der zu klein war, um ihn für angemessen zu halten, und zu alt, um ihn für das Haus einer Fürstin zu unterschätzen. Ein gemauerter Bogen führte hinein, auf dessen Schlussstein eine verwitterte Inschrift von der Gründung des Gartens durch eine Urahnin vor einhundertneunundsechzig Jahren zeugte. Aneli stand davor, ohne zu klingeln, und las die Inschrift, bis sie ein Gefühl dafür bekam, welches Wort man im Steinbruch hatte auslassen müssen und welches man später nachgemeißelt hatte.
Ein Kammerdiener öffnete, bevor sie läutete. Er musste sie seit einer Weile beobachtet haben, denn er nahm ihren Umschlag mit der Selbstverständlichkeit entgegen, mit der man Briefe entgegennimmt, die man bereits erwartet hat, und er geleitete sie in die Vorhalle, ohne zu sagen, dass die Kurfürstin-Witwe in diesem Augenblick gerade jemand Anderen sehe. Aneli wartete dreizehn Minuten. Sie zählte die Minuten, nicht aus Ungeduld, sondern weil die Standuhr in der Halle eine Mechanik hatte, die an der Zwölf einen leisen Doppelschlag abgab, und Aneli hatte in ihrem Leben nur eine einzige Uhr gehört, die dies tat, und die war in Halden gestanden und war vor sechs Jahren an einen Wiener Kaufmann verkauft worden.
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