Der Ritt Nach Halden
Die Straße nach Halden war im Herbst stets die schlechteste im Land, und Aneli hatte lange genug in der Grenzmark gelebt, um zu wissen, dass niemand diesen Zustand beklagen würde. Man hielt es für eine Form von Schutz. Wer nicht zu uns kommen konnte, konnte uns auch nicht erreichen, und die Grenzmark Halden hatte seit vier Generationen davon gelebt, von allen Landkarten gerade eben noch erfasst, von allen Kassen des Reiches aber nie wirklich erinnert zu werden. Die Räder ihres kleinen Reisewagens sanken in den Lehm, wie sie es schon oft getan hatten; der Knecht fluchte nicht mehr, er sah nur müde zum Himmel, als hätte er sich mit ihm auf eine stille, unfreundliche Abmachung geeinigt.
Aneli ritt voraus. Sie ritt ungern voraus, aber sie ritt an diesem Morgen lieber allein, weil sie die Umschläge in ihrer Satteltasche nicht mit Gesprächen in Verbindung bringen wollte. Drei Umschläge. Ein Empfehlungsschreiben ihrer verstorbenen Mutter an die Kurfürstin-Witwe Margareta, ein Schuldschein der Haldener Kanzlei an den Bankier Leser in Ostenfels über neunzig Taler und neunundvierzig Groschen, und, zuunterst, in einem Futteral aus altem Tuch, das einmal die Farbe eines Messgewandes gehabt haben musste, der Brief, den ihre Mutter auf dem Totenbett geschrieben hatte und für den Aneli zu dieser Stunde noch keine endgültige Meinung fand.
Sie war vor fünfzehn Tagen aus Halden aufgebrochen.