Das Erste Wort
Das Mädchen auf der anderen Seite der Gasse hieß Pia.
Lena erfuhr das am dritten Tag, an einer Bushaltestelle. Lenas Mutter hatte sie zur Bushaltestelle gebracht, sie war auf eine andere Art nervös als Lena. An der Bushaltestelle standen schon drei Kinder. Eines davon war Pia.
Pia tat nicht so, als wisse sie nicht, wer Lena war.
„Du bist die Neue", sagte sie.
„Ja."
„Ich habe dich in deinem Fenster gesehen."
„Ich hab dich in deinem gesehen."
Es entstand eine kleine, abwägende Stille.
„Ich bin Pia. Ich bin in der sechsten Klasse. Du?"
„Lena. Auch sechste Klasse. Ich glaube."
„Dann sind wir im selben Jahrgang. Wahrscheinlich in derselben Klasse. Frau Tannen. Setz dich in der Pause neben mich, wenn du willst. Oder lass es. Beides ist okay."
Pia sagte es nicht wie eine Gefälligkeit. Pia sagte es nicht wie eine Wohltätigkeit. Pia sagte es so, wie man *willst du einen Keks?* sagt — offenes Angebot, kein Druck.
In Lenas Brust löste sich etwas, von dem sie nicht gewusst hatte, dass es so eng gewesen war.
„Ja", sagte sie. „Ich setz mich zu dir."
Der Bus kam. Sie stiegen ein. Lena saß bei Pia.
Der erste Tag war hart. Lena wurde vorgestellt. Lena musste erklären, wo sie hergezogen war. Lena wurde von fünfundzwanzig Gesichtern angesehen und merkte sehr deutlich, dass die Hälfte von ihnen sie still musterte und die andere Hälfte sich schon langweilte.
Aber Pia setzte sich in