Die-Oefen-Von-Murano
Auf Murano wurden die Öfen niemals kalt, und Lucia hatte gelernt, ihr Tosen zu verschlafen, wie ein Seemannskind die See verschläft.
Mit elf war sie auf die Insel gekommen, im Jahr nachdem das Fieber ihre Mutter geholt hatte, in die Lehre zu Maestro Orsini gegeben, weil ihr Onkel ihm Geld schuldete und ein Mädchen billiger herzugeben war als Münze. Das war vier Jahre her. Nun war sie fünfzehn, und ihre Hände trugen die kleinen weißen Narben, die jeder Glasarbeiter wie ein Zunftzeichen trug, und sie konnte mit der Glasmacherpfeife schon Dinge tun, über die die Gesellen murrten. Orsinis Werkstatt machte Spiegel — die großen klaren venezianischen Spiegel, für die die Franzosen und die Österreicher Vermögen zahlten, der Republik unter der Nase hinausgeschmuggelt, jeder eine Platte versilberten Glases, so makellos, dass er weniger ein gefertigtes Ding schien als ein in die Welt geschnittenes Loch. Einst hatten die Dogen den Meistern bei Todesstrafe verboten, die Insel zu verlassen, so kostbar war das Geheimnis. Lucia hatte geglaubt, sie kenne alles davon.
In einem Spiegel irrte sie sich.
Er hing in dem Raum, den Orsini verschlossen hielt, dem Raum hinter dem Kühlschuppen, und sie hatte ihn nur einmal gesehen, aus Versehen, als sie im Morgengrauen kam, die Feuer zu schüren, und die Tür angelehnt fand. Er war nicht größer als ein Serviertablett, oval, sein Rahmen schlichtes dunkles