Die Kleine Politik Des Lachses
Der atlantische Lachs, *Salmo salar*, ist ein politisches Tier. Das klingt übertrieben und ist doch die nüchterne Übersetzung einer Sachlage, die in jeder Kreisanglerversammlung, in jeder Referatsbesprechung im Umweltministerium und in jedem europäischen Projektantrag mitschwingt, den wir schreiben. Er ist politisch, weil er anadrom ist — er wird im Süßwasser geboren, wandert ins Meer, kehrt nach zwei bis vier Jahren an seinen Geburtsfluss zurück — und weil diese Wanderung ihn durch Zuständigkeiten führt, die einander nicht mögen.
Wir nennen ihn *Leitart* und meinen damit, dass er Bedingungen braucht, von denen auch andere Arten profitieren: Strukturreichtum, Durchgängigkeit, kühle Sommertemperaturen, Kieslaichplätze, sauberes Wasser. Wenn ein Fluss den Lachs trägt, trägt er in der Regel auch Bachforelle, Groppe, Bachneunauge, Flussperlmuschel, eine Reihe von Wirbellosen, deren Namen niemand außerhalb eines Fachinstituts kennt. Leitart ist ein Marketingbegriff mit wissenschaftlichem Kern. Wir verwenden ihn, weil wir wissen, dass eine Gesellschaft, die bei *Bachneunauge* mit den Schultern zuckt, beim *Lachs* aufhorcht. Er ist, in der kalten Sprache unserer Öffentlichkeitsarbeit, eine Sympathieträger-Spezies.
Ich habe, als Studentin, das Wort *Sympathieträger-Spezies* verachtet. Ich habe gedacht, dass eine Gesellschaft, die Tiere nach ihrer Attraktivität für Naturschutzplakate