Der Becher
Alle fünf Jahre, in der Nacht der Herbsttagundnachtgleiche, hielt die Stadt Thel den Becher.
Es war kein einzelner Becher. Der Becher war der Name des Rituals. Jeder Erwachsene in Thel — jeder Bürger über dreizehn — stand in seinem Vorhof, in dem Moment, in dem die Glocken bei Sonnenuntergang läuteten, und trank einen kleinen Porzellanbecher voll mit einer klaren, leicht bitteren Flüssigkeit. Die Flüssigkeit war von den Hütern der Stadt gemischt worden. Sie war seit fünfhundert Jahren gemischt worden. Sie enthielt — sagten die Hüter, ohne ins Detail zu gehen — das Kraut, das es der Stadt erlaubte, *das Schlimmste* des vergangenen Jahres zu vergessen.
Der Becher löschte nicht das ganze Leben eines Menschen. Er löschte sehr genau die letzten zwölf Monate. Es war die Art der Stadt, sanft mit sich selbst zu bleiben. Die Hüter sagten: *Jede Stadt trägt Groll. Die meisten Städte lassen ihn faulen. Thel nicht. Thel nimmt das schlimmste Jahr des Zyklus und lässt es los. Den Frieden, den wir haben, haben wir, weil wir loslassen.*
Pia war damit aufgewachsen, das ganze Leben lang. Sie hatte viermal zugesehen, wie ihre Eltern den Becher tranken. Sie hatten geblinzelt, den Becher abgesetzt und einander mit einer Art neuer Freundlichkeit angesehen. Pia, als Kind, war erzählt worden, der Becher sei ein Geschenk. Ihr war erzählt worden, dass sie eines Tages, wenn sie dreizehn werde, ihnen