Ein Stiller Wald
Neunhundert Jahre lang hatten die Wölfe des Ostwaldes die Wälder rund um das Dorf Witten durchstreift. Sie hatten gelegentlich ein Schaf gerissen. Sie hatten gelegentlich einen Hund gefressen. Sie hatten auch die Rehe in Schach gehalten, was die Schösslinge in Schach gehalten hatte, was den Wald gesund gehalten hatte.
Die Dorfbewohner hatten die Wölfe nie geliebt. Die Dorfbewohner hatten neben ihnen überlebt.
In diesem Frühling zogen die Wölfe weg.
Der Förster hatte es zuerst gemeldet. Dann der Schäfer. Dann ein Jäger aus dem Nachbardorf. Die Wölfe zogen nach Norden. Es waren jetzt — wie man glaubte — nur noch drei oder vier im ganzen Wald, wo es einmal dreißig gegeben hatte.
Die meisten Dorfbewohner waren erfreut. Der Bürgermeister rief eine kleine Feier aus.
Anja war elf. Sie las zu viel. Sie hatte über Ökosysteme gelesen. Sie hatte über alte Volksmärchen gelesen. Sie hatte gelesen, was mit Wäldern geschieht, wenn ihre Räuber verschwinden. Das Buch auf ihrem Zimmerregal über die Geschichte der Karpatenwölfe war seit vier Jahren ihr Lieblingsbuch.
Anja war nicht erfreut.
Sie schrieb einen sorgfältigen Brief an ihre Lehrerin. Die Lehrerin, eine bedachtsame Frau namens Frau Tannen, las den Brief an jenem Abend zu Hause, und am nächsten Tag sagte sie sehr leise zu Anja: „Du sorgst dich zu Recht. Möchtest du etwas dagegen tun?"
„Ja."
„Was hattest du im Sinn?"
„Ich möchte