Die Satzung Die Niemand Liest
Simone wohnt im Nachbardorf, nicht in dem, in dem ich wohne, sondern in dem, wo der Bahnhof ist, den wir beide morgens benutzen. Das hätte eigentlich bedeuten müssen, dass wir uns seit Jahren kennen. Tut es aber nicht. In der Pendelzeit zwischen sieben Uhr zwölf und sieben Uhr sechsundvierzig gibt es im Abteil eine ungeschriebene Sitzordnung, und Simone saß immer vorne, bei den Oberstufenschülerinnen, obwohl sie keine war, und ich saß in der Mitte, bei den Leuten, die ich seit der Grundschule kenne, und wir haben uns nie angelächelt, nicht einmal genickt, und das ist in einem Abteil, das vierundzwanzig Personen fasst, eine aktive Leistung.
Am Donnerstag nach der Wahl stand sie auf dem Bahnsteig neben mir. Sie hatte einen grauen Pulli an, den sie später fast jeden Tag tragen würde, und sie sagte: Kannst du mittwochs nachmittags. Ich sagte ja, ohne zu wissen, wozu. Sie sagte: Ich habe die Sitzung des Schülerrats für sechzehn Uhr eingetragen. Raum zweihundertsieben. Du leitest. Ich sagte: Was. Sie sagte: Das ist dein Job. Der Zug kam, und wir stiegen in verschiedene Türen, und ich saß den ganzen Weg und dachte: Das ist dein Job.
In der großen Pause fand ich sie wieder, auf der Bank unter dem Kastanienbaum, wo die Oberstufenschülerinnen normalerweise sitzen, obwohl sie keine war. Sie hatte die SV-Satzung ausgedruckt, auf echtem Papier, mit gelben und grünen Markierungen, und