Die Anhoerung
Am Montagmorgen zog ich die Bluse an, die ich vor zwei Jahren zu Omas Geburtstag getragen hatte. Sie passte noch, gerade so, und meine Mutter kam ins Zimmer und sah mich an und sagte: Das ist zu viel. Zieh einen Pullover an. Pulli drüber, am besten Marine. Ich zog den marineblauen Pulli an, der zu einer Hose passte, die mein Vater auch mochte, und sah im Spiegel jemanden, der nicht ich war, und das war vermutlich richtig, weil ich, heute, heute vor allem, nicht nur ich sein konnte, sondern eine Version von mir, die die Anhörung durchstehen würde.
Mein Vater fuhr mich um dreizehn Uhr dreißig zur Schule. Er parkte auf dem Lehrerparkplatz, weil er heute mitdurfte, weil Paragraph einundsechzig ausdrücklich vorsieht, dass die Erziehungsberechtigten an einer Anhörung ihres minderjährigen Kindes teilnehmen können und sollen. Er hatte sich den Tag freigenommen. Meine Mutter war in der Klinik, sie ist Krankenhaus-Sozialarbeiterin und hatte eine Supervision, die sie nicht absagen konnte, und sie hatte mich am Morgen umarmt und gesagt: Greta, du brauchst mich heute nicht. Du bist gut vorbereitet.
Herr Hawes wartete vor Zimmer einhundert. Er trug sein Jackett, wie immer, und ein weißes Hemd, das er nicht immer trug, und ich verstand, dass das Hemd eine Geste war, auch wenn er sie nicht benennen würde. Er sagte: Greta. Tag, Herr Alvarez. Mein Vater und er gaben sich die Hand wie Leute,