Das Ghetto von Berlin
Das sogenannte Scheunenviertel, das sich vor etwa dreißig Jahren dort ausbreitete, wo sich heute der Bülowplatz mit dem großen Volkstheater befindet, barg in den engen Gäßchen mit den alten halb zerfallenen und von Ungeziefer wimmelnden Häusern, Scheunen und Lagerplätzen den Auswurf der Berliner Verbrecherwelt. Die Polizei war trotz jahrzehntelanger Bemühungen und strengster Maßnahmen nicht in der Lage die Schlupfwinkel und mit ihnen das lichtscheue Gesindel auszurotten. Und so entschloß sich denn der Magistrat von Berlin das ganze Scheunenviertel mit Ausnahme einiger besserer Straßen wie einen verpestenden Seuchenherd niederzureißen. Der berüchtigte Stadtteil ist zwar verschwunden, aber in der Nachbarschaft des Bülowplatzes, in den früheren sogenannten besseren Straßen hat sich ein anderes Scheunenviertel entwickelt mit demselben verbrecherischen Gesindel und einer ganz neuen Erscheinung in Großberlin, dem Ghetto der aus Rußland, Polen und Galizien eingewanderten Ostjuden. Hier in der Grenadierstraße, deren Läden mit den hebräischen Aufschriften und den merkwürdigsten Namen das Fremdartige sofort erkennen lassen, herrscht im Sommer ein lebhaftes Treiben wie auf einem öffentlichen Markt in Galizien oder Polen. Im Winter aber ist dieses Ghetto äußerlich fast geräuschlos, hingegen spielt sich hinter den beschlagenen, selten gereinigten Fenstern der zahlreichen Gastwirtschaften