Das Klassenzimmer Das Keiner Putzt
Zwischen halb sechs und sechs Uhr morgens, bevor Herr Dilsizian mit seinem Reinigungswagen durch die Tür kam, gehörte das Klassenzimmer 2.14 des Apostelgymnasiums in Köln-Neustadt mir. Das war ein Arrangement, das niemand offiziell getroffen hatte, aber es funktionierte seit zweieinhalb Jahren, und Herr Dilsizian, der mich jeden Morgen an der Tafel stehen sah, wenn er eintrat, grüßte mich mit einem Nicken und ging dann in den Flur, um dort anzufangen, und kam um kurz vor sechs wieder, mit dem Besen, wenn ich das Zimmer verließ und zur Straßenbahn ging.
Ich putzte den Raum nicht. Das muss ich klarstellen. Ich benutzte ihn nur. Herr Dilsizian putzte den Raum, gründlich, jeden Morgen, und ich verdiente mein Geld seit drei Jahren als Lehrer an dieser Schule und hatte nie das Bedürfnis gehabt, den Besen in die Hand zu nehmen. Was ich in dem Raum tat, zwischen halb sechs und sechs, war: Ich korrigierte Hefte. Oder ich las. Oder ich schrieb. Aber meistens saß ich einfach nur an einem der Tische in der hinteren Reihe und sah nichts und dachte nichts, weil die Zeit zwischen halb sechs und sechs Uhr morgens, im Herbst, in einem Klassenzimmer, dessen Heizung eben erst angesprungen ist und dessen Kreide den Geruch von gestern noch in sich trägt, eine Zeit ist, in der man nicht denken muss, wenn man nicht will.
Meine Schüler wussten nichts davon. Das war mir wichtig. Der Reinigungswagen
