Erstes Kapitel
Das Licht der großen Kronleuchter verglomm über dem letzten Flüstern und Räuspern des Publikums, der Theaterraum ward dunkel. Aber unter dem aufrollenden Vorhang warf die Bühne ihren hellen Schein in die ersten Reihen des Parketts, daß man von oben wie in einem goldig dunklen Nebel die Köpfe der Zuschauer schwimmen sah; in den Ecklogen zur Rechten und zur Linken war jede Figur deutlich erkennbar. Dort drüben trat noch ein großer, schlanker Mann in die Loge Nummer eins, die sonst leer war. Der Diamantknopf in seinem Frackhemd blitzte mit dem Einglas um die Wette, das er eben geputzt und wieder ins Auge gedrückt hatte – in dies große, von tiefen Schatten umgebene Augenrund, das dem bleichen und völlig bartlosen Gesicht seinen seltsamen, nicht leicht zu deutenden Charakter gab. Der Herr war im Hintergrund der Loge stehengeblieben. Er betrachtete, jetzt langsam vortretend, mit großer Aufmerksamkeit die schöne Schauspielerin, deren Worte im Selbstgespräch hörbar wurden, deren sanfte und frohe Stimme allein das Publikum in freundliche und dankbare Bewegung brachte. Es war schon der dritte Akt, der gerade begonnen hatte. Die junge Frau war aus ihrem Liegestuhl aufgestanden, sie hatte ein bißchen mit dem Kanarienvogel geplaudert und glitt geschmeidig an die Rampe, um ihre Bedenken gegen Herrn v. Müller, mit dem sie seit einer Woche verheiratet war, kundzugeben. Sie trat noch einen