Chapter

Der Brief

Hannah fand den Brief an einem Dienstagnachmittag, als sie eine Kiste gebrauchter Bücher sortierte. Er steckte zwischen Seite zweihundertvierunddreißig und zweihundertfünfunddreißig eines zerlesenen Taschenbuchromans, gefaltet, auf dünnem Papier, die Schrift klein und regelmäßig wie die einer Frau, die gewohnt war, ihre Gedanken auf engem Raum unterzubringen. Liebe Unbekannte, begann der Brief, und Hannah las weiter, obwohl sie wusste, dass sie es nicht sollte. Die Frau schrieb von einem Kind, das sie hatte weggeben müssen, von einer Stadt, die sie verlassen hatte, und von einem Mann, der sie liebte und den sie trotzdem verließ, weil Liebe allein nicht genügte, um das Gewicht dessen zu tragen, was sie getan hatte. Der Brief endete ohne Unterschrift, nur mit einem Datum — dem neunzehnten Oktober neunzehnhundertachtundachtzig — und dem Satz: Vielleicht liest das jemand und versteht. Hannah legte den Brief auf die Theke und starrte ihn an. Das Datum war ihr Geburtstag. Nicht das Jahr, aber der Tag. Es war Zufall, natürlich war es Zufall, und doch spürte sie, wie sich etwas in ihr verschob, eine Tür, die einen Spalt weit aufging zu einem Raum, den sie nie betreten hatte.

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