Zweimal gelebt
Zweimal gelebt. Einer wahren Begebenheit nacherzählt von Günther von Freiberg. Motto: „Hoffe doch bei mir noch zu erwarmenWärst Du selbst mir aus dem Grab gesandt!“(Goethe, Braut von Korinth.) 1. Die nordische Novembernacht erreicht ihren Höhepunkt von Unheimlichkeit, Frost und Nässe in London, wo der weltbekannte Nebel sich wie ein großes Leichentuch über Strom und Straßen breitet. Die Themsestadt im Spätherbst, nach Mitternacht, gewinnt ein förmlich gespensterhaftes Ansehen. Sobald die gasstrahlenden Magazine geschlossen, verwandelt sich die Residenz in den vollständigen Schauplatz jener haarsträubenden Gauner- und Mordgeschichten, in denen Jack Sheppard’s „Nebelritter“ eine so wichtige Rolle spielen. Besonders ist gewissen Stadtvierteln eine so schauerliche Stille, eine so trostlose Oede eigen, daß der vereinzelte Nachtschwärmer sich eines unwillkürlichen Grauens nicht erwehren kann, muß er sie in später Stunde passiren: kein erleuchtetes Fenster weit und breit; hier und da, in großen Entfernungen, schimmern bleiche Laternen spärlich durch die bleigraue Atmosphäre; der Pfiff des Wächters tönt nicht bis dahin; kein Wagen rollt vorüber – nur die dumpfen Schläge einer Thurmuhr unterbrechen mit geisterhaftem Dröhnen die Todtenstille, nur auf den hohen Dächern seufzen die alten Wetterfahnen gar kläglich im Winde. „Das ist die wahre Spukezeit der Nacht,“ sagt der Engländer mit