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Der Riss Ueber Berlin

Der Riss erschien an einem Dienstagmorgen im April, direkt über dem Brandenburger Tor, und er sah aus wie eine Wunde im Himmel. Eine gezackte Linie, vielleicht dreihundert Meter lang, durch die ein Licht fiel, das keine Farbe hatte — oder alle Farben gleichzeitig, übereinander geschichtet, so dass das Auge keine einzelne greifen konnte. Die Berliner, an Ungewöhnliches gewöhnt, blieben stehen und fotografierten. Die Polizei sperrte den Pariser Platz ab. Die Wissenschaftler brauchten vier Stunden, um zu verstehen, was sie sahen, und danach wünschten sich die meisten von ihnen, es nicht verstanden zu haben. Nadia Kern war zu diesem Zeitpunkt in der Bundes-Chrono-Agentur beschäftigt, einer Behörde, die offiziell nicht existierte und die sich mit temporalen Anomalien befasste — kleinen Rissen, Schlupflöchern, Echos in der Zeit, die seit dem Genfer Experiment von 2031 gelegentlich auftraten wie Nachbeben eines Erdbebens. Aber dies hier war kein Nachbeben. Dies war das Erdbeben selbst. Durch den Riss sickerte Zeit. Nicht metaphorisch, sondern buchstäblich: Auf dem Pariser Platz standen plötzlich Gebäude, die es seit 1945 nicht mehr gab, neben Gebäuden, die erst in fünfzig Jahren errichtet werden würden. Passanten in Kleidung aus verschiedenen Jahrhunderten gingen aneinander vorbei, ohne sich zu sehen, wie Geister in verschiedenen Frequenzen. Nadia stand am Rand der Absperrung und

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