Erinnerung an Heringsdorf
I. Viele meiner Leser kennen Heringsdorf. Mit Laubholz und Kiefern bestandene, von Moos und Strandhafer überwachsene Sandhügel ziehen sich am Ostseeufer hin; in der parallel laufenden Thalmulde stehen, vereinzelt, oder schon zu Straßen geordnet, bescheidene Sommer-, noch bescheidenere Fischerhäuser; aus der vordersten Dünenreihe aber, hier und dort von mächtigen Weißbuchen überragt, lachen in hellem Weiß einzelne Villen und haben eine entzückende Aussicht auf das offene Meer. Anfang der dreißiger Jahre führte mich's aus der benachbarten Stadt (in der ich meine Knabenjahre verlebte) oft nach Heringsdorf hinaus, das, auf halbem Wege nach Dorf Coserow und dem Streckelberg hin gelegen, mir und meinen Spielgenossen immer einen Vorschmack von dem Zauber des sagenhaften, zu Füßen jenes Berges untergegangenen Vineta bot. Wir hörten mit phantasie-geschärftem Ohr die „Abendglocken““ klingen, die Kunde gaben „von der schönen, alten Wunderstadt“, und mit Vorliebe declamirten wir die Strophen des eben damals bekannt gewordenen Müller'schen Liedes in den Seewind hinein, wenn wir am Strand hin dem Auf und Ab der Brandung nachliefen, oder aber den tiefen Sandweg durchwateten, der uns den Abhang hinaus, aus die Höhe der Düne führte. Eines Tages, als wir eben diesen Abhang erstiegen, begegneten wir auf halber Höhe einem Herrn in jagdgrünem Rock und Gebirgshut, in ziemlich derselben Form, wie sie