Chapter

Erstes Buch: Kapitel 1

Am Fenster eines weiten Gemaches im Grauen Kloster Wittenberg stand Doktor Martin Luther und blickte nachdenklich auf den Hof hinaus. Ein tiefer Ernst lag auf seinen Zügen, denn noch hielt er die Feder in der Hand, womit er einem seiner alten Kindheitsfreunde, dem die Gattin gestorben war, einen Trostbrief geschrieben hatte. Aber bald entwölkte sich seine Stirn, und ein warmer Glanz trat in seine Augen. Sein Lieblingskind, die zehnjährige Magdalene, spielte mit anderen Mädchen ihres Alters einen Ringelreihen. Hell klang der Gesang der seinen Kinderstimmchen zu ihm empor, dazwischen erscholl das lustige Bellen des Hündleins Tölpel, das die vorüberflatternden roten Röckchen der Kleinen zu fassen bestrebt war. Die Sprünge des täppischen Tieres belustigten ihn, und er lachte mehrmals kräftig auf. Dann aber schienen andere Gedanken durch sein Haupt dahinzuziehen. Sein Antlitz wurde wieder ernst, und er schüttelte einige Male den Kopf, als ob er sich über etwas verwundere. »Was ist Euch, lieber Herr? Worüber sinnt Ihr nach?« fragte Frau Käthe. Sie hatte eben das Wämslein des kleinen Hans ausgebessert und trat nun neben ihn. Luther schlang den linken Arm um ihre Schultern und erwiderte nach einer kleinen Weile, indem er mit der Rechten aus dem Fenster wies: »Der alte Birnbaum dort brachte mich auf den Gedanken, wie doch unser Gott alles in der Welt so rasch und von Grund aus zu

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