Geleit
Die tiefste und unerschöpflichste Quelle aller stofflichen und geistigen Kultur ist die Landschaft. Aus ihrem ewig fruchtbaren Schoß kommen die Werte des Lebens. Sie begrüßt unseren Eintritt ins Dasein, sie geleitet unser Werden, Wachsen und Vergehen; ständige Wechselwirkung ist zwischen ihr und ihren Kindern, längst versunkene Geschlechter haben ihr dauernde Züge ins Antlitz geprägt, und wer sie zu lesen versteht, der erkennt, um wieviel stärker die Toten als die Lebendigen sind. Aus dem Brausen des Windes, aus dem Rauschen uralter Bäume, aus dem Flüstern der Stromwellen hörst du die ewige Schicksalsfrage der Nornen: weißt du, wie das ward? Und kannst du ermessen, Weggenosse dieses Lebens, wie die Landschaft auf deine eigene Seele wirkt? Kennst du die letzten, allerfeinsten Verzweigungen des Gefühls und der Gedanken, die im tiefsten Grund deine 6 Persönlichkeit formen und geheimnisvoll von dem Landschaftsbilde abhängig sind, das dich umgibt? Hat dich nicht einmal der Anblick jenes ernsten Waldberges unbewußt zu irgend einer guten, mannhaften Tat angeregt – hat die Stimmung der weißen, im hellen Mittagsonnenschein sich breitenden Ebene mit Feldern und Gärten nicht einen wertvollen Gedanken in die Klarheit des Bewußtseins gehoben – haben die sehnsuchtsvoll hinziehenden Wellen des Stromes, schimmernd im roten Sonnenuntergangslicht, deine Seele nicht fortgetragen ins leuchtende