Chapter

Erstes Kapitel: Die Nachbarsleute.

Märzveigerl! Frische Märzveigerl! Ein halbwüchsiges Mädchen in dürftiger Kleidung lehnt an der Ecke der Resselgasse und streckt jedem Vorübergehenden die kleine rote Hand entgegen, deren magere, schmutzige Finger ein winziges Sträußchen von wenigen Veilchenblüten umklammern. Der laue Märztag beginnt allmählich einem jener feuchtkalten Abende zu weichen, die der Vorfrühling in Wien nur allzuhäufig bringt. Der Winter sendet da nachgrollend sein letztes Aufgebot; feiner Regen und leicht schmelzende Schneeflocken fallen langsam nieder zur dampfenden Erde, die sich in ein dichtes Nebelkleid hüllt. Die schöne, heitere Stadt selbst erscheint an solchen Abenden häßlich und blinzelt verdrießlich aus ihren gelblichroten Tausendaugen durch den schweren, abscheulich nach Rauch riechenden Nebeldunst. Die Wiener werden dann leicht mürrisch und verdrossen, schlagen die Rockkragen auf und traben ohne aufzublicken, ja sogar ohne den sonst unvermeidlichen Refrain eines eben beliebten Walzers oder Gassenhauers auf den Lippen, schweigend ihres Weges. Die kleine Veilchenverkäuferin hat darum heute einen schlimmen Abend. Die Menge hastet an ihr vorbei, ohne 2 ihre ausgestreckte Hand zu sehen, ohne ihren Bettelruf zu hören. Der dicke Herr dort im warmen Pelzrock, der die breiten Lippen wie betend bewegt, berechnet im Gehen seinen Gewinn an den Brennholzkäufen, die er eben abgeschlossen hat; er kann

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