Die Jagd
Die Gestalt im Prater war eine Frau, und sie war schön auf eine Art, die weh tat. Sie hatte Augen, die im Dunkeln leuchteten, und eine Haut, die so blass war, dass sie im Mondlicht zu schimmern schien. Sie wartete auf Brenner, als hätte sie gewusst, dass er kommen würde, und als er seine Dienstwaffe zog, lächelte sie.
Sie erzählte ihm ihre Geschichte, dort auf der Bank unter den alten Kastanien, während der Prater um sie herum schlief. Sie war alt, sagte sie, älter als Wien, älter als die Habsburger, älter als das Christentum in diesen Landen. Sie tötete nicht aus Hunger, sondern aus Notwendigkeit — einmal in einer Generation, wenn der Durst so groß wurde, dass er ihre Menschlichkeit zu verschlingen drohte. Es war ein Pakt, den sie mit sich selbst geschlossen hatte: ein Leben für ein Jahrhundert der Zurückhaltung.
Brenner hätte sie verhaften können. Er hätte es versuchen können. Aber er sah in ihre Augen und sah dort etwas, das er als Ermüdung erkannte — die Müdigkeit eines Wesens, das zu lange gelebt hatte und den Tod kannte, aber nur den anderer. Er steckte die Waffe weg. Wien, dachte er, war schon immer eine Stadt der Kompromisse gewesen. Er bestellte sich im Geist einen dritten Melange und begann, seinen Bericht zu schreiben. Ungelöst, würde darin stehen. Wie immer.