Die Akte
Die Akte von 1911 führte zu einer weiteren Akte aus dem Jahr 1873, und diese zu einer aus dem Jahr 1842. Immer derselbe Modus Operandi, immer im Prater, immer ein gut gekleideter Mann ohne Papiere. Die Abstände waren unregelmäßig — manchmal dreißig Jahre, manchmal fünfzig — aber das Muster war unverkennbar. Jemand tötete seit fast zweihundert Jahren in Wien, auf dieselbe Weise, am selben Ort.
Brenner sprach mit der Gerichtsmedizinerin, einer Frau namens Dr. Kovacs, die so nüchtern war, dass sie selbst dann sachlich blieb, wenn die Fakten jede Sachlichkeit sprengten. Die Bisswunde, sagte sie, stammte von einem menschlichen Gebiss, aber die Kieferkraft war dreimal so hoch wie die eines normalen Menschen. Und das Blut — es fehlte Blut. Nicht alles, aber zu viel, als dass es in den Boden gesickert sein konnte.
Brenner glaubte nicht an Vampire. Er glaubte an Kaffee, Sachertorte und die österreichische Strafprozessordnung. Aber die Fakten ließen ihm keine Wahl, und als er am Abend im Prater stand, an der Stelle, an der die Leiche gelegen hatte, und eine Gestalt zwischen den Bäumen sah, die sich bewegte wie Rauch im Wind, wusste er, dass Wien ein Geheimnis hatte, das älter war als die Ringstraße.