Chapter

Das Kaffeehaus

Kommissar Brenner trank seinen Melange im Cafe Central und las die Morgenzeitung, als der Anruf kam. Eine Leiche im Prater, männlich, zwischen fünfzig und sechzig, gut gekleidet, keine Papiere. Das war nichts Ungewöhnliches für Wien an einem Montagmorgen. Ungewöhnlich war die Art des Todes: Der Mann war verblutet, aber die Wunde an seinem Hals war nicht geschnitten, sondern gebissen. Sauber, präzise, mit Zähnen, die menschlich waren und doch nicht ganz. Brenner kannte Wien seit dreißig Jahren, und Wien kannte ihn. Er war der Kommissar, den man rief, wenn die Fälle seltsam wurden, wenn die Erklärungen nicht passten, wenn die Logik Risse bekam, durch die etwas hindurchschimmerte, das man nicht benennen wollte. Er hatte gelernt, nicht zu fragen, warum. Er fragte nur: wer und wie. Die Wunde am Hals des Toten erinnerte an etwas, das Brenner in einer alten Fallakte gelesen hatte, einem ungelösten Mord aus dem Jahr 1911, der in den Archiven verstaubte. Auch damals ein Mann im Prater, auch damals die Bisswunde, auch damals keine Erklärung. Brenner bestellte einen zweiten Melange und begann zu lesen.

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