Chapter

Der Jude in der Welt

Wir leben in einer Zeit, in der die Massenhaftigkeit der Schicksale uns daran hindert, dem Schicksal des Einzelnen genügend nahe zu kommen und ihm Gerechtigkeit werden zu lassen. Es scheint, als sei das Schicksal der Masse, der Gruppe, der Vielen so übermächtig und vordringlich, dass es darüber nicht der Mühe verlohne, dem Geschick eines Einzelnen nachzugehen. Eine Zeit, die in der Psychologie das liebevolle Eingehen auf jede geringe Schwankung im seelischen Ablauf des individuellen Lebens verlangt, behandelt in der Stunde der Massenkatastrophe das Einzelschicksal als Fussnote oder als Randglosse zu einem feststehenden Text, im besten Falle als eine eingestreute Illustration. So beraubt man sich selber der Möglichkeit einer grossen Erfahrung: an einer Gestalt, der typisches Schicksal geschah, die Linien aufzuzeigen, auf denen dieses Schicksal sich mit fast elementarer Notwendigkeit vollziehen musste, jene Linien, die gar nicht mehr individueller Zufall sind, und die – richtig erkannt – die Summe unserer Erfahrungen spontan erweitern könnten ... wenn wir nur wirklich bereit wären, unsere innere Welt so aus seelischem und geistigem Erfahren aufzubauen, wie wir die äussere Welt, die Welt unserer materiellen Zivilisation, aus den Erfahrungen von Technik und exaktem Wissen aufzubauen bereit sind. Aber es ist die grosse, tragische Zweifelsfrage, ob die Menschheit eine solche Addition

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