Erstes Kapitel
Die Kastanienbäume am Monte rosso, dessen bewaldete Höhe weithin auf die blauen Fluten des Lago Maggiore niederschaut, waren neu belaubt und geheimnisvoll flüsterten alle die Blätter oben in den Wipfeln, die der leichte Morgenwind durchzog. Am Höhenzug drüben über dem Flusse, wo hoch oben die weißen Dörfchen leuchten, jedes von seiner weit ausschauenden Kirche überragt, fingen die Glocken, eine nach der anderen, in melodischer Weise zu läuten an. An die graue Steinmauer gelehnt, aus dessen Ritzen überall rote, blaue, und golden leuchtende Blümchen herausquollen, stand ein kleines Mädchen und lauschte dem lieblichen Glockenspiele, das bald lauter, bald leiser vom Winde herübergetragen wurde. Ein Körbchen voll der schönsten Rosen stand auf der Mauer neben dem Kinde. Lichthell und wieder dunkel glühend schauten die Blumen aus den grünen Blättern heraus und süßer Duft entströmte den vollen Kelchen und erfüllte die Luft. Eine gute Weile hatte das Kind regungslos dagestanden, den immer noch fortklingenden Melodien lauschend. Jetzt schrak es zusammen: Auf dem schmalen Fußpfad, der von Cavandone heraufsteigt, war mit leisem Schritt eine Frauengestalt herangekommen und stand nun plötzlich vor dem überraschten Kinde. Die hochgewachsene junge Dame legte ihre Hand auf des Kindes Schulter und sagte in freundlichster Weise: »Erschrick nicht vor mir, liebes Kind, ich will mich ein wenig hier