Vorwort
„... flüchte Du, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten...“ Glückliche Zeit, in der wenigstens der Dichter noch so sprechen konnte. Heute ist auch der Orient längst entzaubert. Bleiben wir also im Okzident und bei seinen Problemen. Aber muss es dann ein Buch sein über die Oper, justament? Gibt es nichts Dringlicheres? Weltanschauung, Währungspolitik, Rassefragen – wie viele große, schöne Gebiete, namentlich im Vergleich mit der allmählich doch zur Genüge behandelten Oper! Ist sie das wirklich? Die Aktualität jener Themen in Ehren – aber was könnte für unsere Zeit wichtiger sein als die Erinnerung an den Menschen selbst, an Aufgaben, die, oberhalb alles Tagesgeschehens, aus der Art seines Natur- und Geistwesens erwachsen? Hängt nicht von ihrer Erkennung die Stellungnahme zu allen anderen Fragen ab? Wird nicht ein großer Teil der uns umgebenden Wirrnisse erst möglich dadurch, dass wir an die Dinge des Tages herantreten ohne Klarheit über ihr Wesen, dass wir Schöpfertum verwechseln mit Betriebsamkeit, Kultur ersetzen durch Propaganda? Ist der „reine Osten“ des Divan-Dichters nicht eigentlich die Besinnung auf Natur und Mensch, als die in Wahrheit unerlässliche Voraussetzung jedes Denkens und Handelns? „Unzeitgemäße“ Bücher waren niemals zeitgemäßer als jetzt. Auf allen Gebieten des Lebens und der Kunst brauchen wir sie, denn die Seelen sind ausgedörrt von armseliger Aktualität