Erster Abschnitt. Die deutsche Reformation und Thomas Münzer
Wer über die Reformationszeit schreibt, lenkt gewöhnlich die Aufmerksamkeit auf ihre theologischen Zänkereien, sieht darin ihren wichtigsten Inhalt. Die Zurückführung der Kämpfe jener Zeit auf die Gegensätze materieller Interessen wird gern als leere »Konstruktion« zugunsten einer vorgefaßten materialistischen Auffassung verdächtigt. Und doch gibt es genug Zeitgenossen der Reformation, die, ohne eine Ahnung von der Theorie des historischen Materialismus zu haben, jene materiellen Interessen aufdeckten. Man braucht nur nicht durch spätere idealistische Darstellungen die Unbefangenheit des Blickes verloren zu haben, um genug derartige Zeugnisse zu finden. Einer der scharfsinnigsten und gebildetsten, aber auch skrupellosesten Männer seiner Zeit war der Italiener Äneas Sylvius Piccolomini. Ehedem ein eifriger Verfechter einer Reformierung der Kirche und ein scharfer Kritiker des Papsttums, hatte er dann seinen Frieden mit dem Papst gemacht und war dafür mit dem Kardinalshut belohnt worden, 1456. Zwei Jahre später wurde er Papst, Pius II. Als solcher brachte er es fertig, seine eigenen früheren Schriften als ketzerisch zu verdammen. Nach seiner Ernennung zum Kardinal richtete an ihn Martin Mayer, ein geborener Heidelberger, Kanzler des Mainzer Erzbischofs Ditrichs von Erbach, einen Brief, in dem es unter anderem heißt: »Tausend Manieren (sie sind vorher zum Teil aufgezählt) werden