I.
Die Tagesarbeit war abgeschlossen. Nun saß Frau Sophie an ihrem Teetisch und zögerte noch, sich mit der Post zu beschäftigen. Es tat so wohl, den Nerven eine kurze Schonung zu gönnen. Es war so notwendig, sich diesem Zustand hinzugeben, der Erschöpfung nach großer geistiger Anstrengung zu sein schien. Sophie kannte das aber wohl, wie sich gerade in dieser Ruhe die noch undeutlichen Anregungen aus den letzten Arbeitsstunden zu klaren Erkenntnissen für das Schaffen des nächsten Tages gestalten konnten. Gerade über ihrem Kopf, im vierten Stockwerk, wußte sie ihr Atelier. Es lag nun verlassen, vom Abend des früh geendeten Novembertages erfüllt, auskältend und kahl. Es war streng eingerichtet, nur für den Arbeitszweck. Und in ihrer Phantasie sah Sophie von der Staffelei her das altersbleiche Gesicht und die klugen, milden Augen der fürstlichen Greisin, deren Bildnis sie eben malte, gleich einem blassen, schwach erkennbaren helleren Fleck im Dunkel des Raumes. Sie malte in ihren Gedanken immer noch daran weiter. Nichts störte sie in dieser rückblickenden Vertiefung. Um sie war eine so behütete Stille, daß sich die Nerven davon geliebkost fühlten. Und wie angenehm war die sanfte Beleuchtung für die Augen, die den ganzen Tag ihren Beruf, zu schauen, mit der größten Anspannung erfüllt hatten. Sophie seufzte tief auf, in einer ganz einfachen, unbeschreiblichen Zufriedenheit. Aus allen